Die Beale-Chiffren gehören zu den faszinierendsten Geheimnissen der Kryptologie. Seit über 140 Jahren fesseln sie Schatzsucher, Mathematiker und Historiker gleichermaßen. Bei der Lösung lockt ein mutmaßlicher Schatz im Wert von heute weit über 60 Millionen Euro.
Die Geschichte beginnt 1885 mit der Veröffentlichung der anonymen Broschüre The Beale Papers in Lynchburg, Virginia. Darin geht es um Ereignisse aus den Jahren 1817 bis 1822:
Eine Gruppe von rund 30 Jägern und Abenteurern unter der Führung eines Thomas J. Beale stößt in den Bergen nördlich von Santa Fe auf eine reiche Gold- und Silberader. Die Gruppe versteckt den Schatz in einer geheimen Erdgrube in Bedford County, Virginia. Anschließend übergibt Beale dem Hotelier Robert Morriss in Lynchburg eine verschlossene Eisenkiste, reist nach Westen und wird nie wieder gesehen.

Morriss erhält die Anweisung, die Kiste erst zu öffnen, wenn zehn Jahre lang kein Lebenszeichen von Beale kommt. Ein versprochener Schlüssel zur Entzifferung kommt jedoch nie an. Morriss wartet 23 Jahre, bevor er die Kiste 1845 öffnet. Darin findet er Briefe und drei Seiten voller Zahlenreihen – die Beale-Chiffren. Doch Morriss scheitert an den Codes. Vor seinem Tod übergibt er die Dokumente an einen Freund, den namentlich unbekannten Autor der Broschüre.
Es handelt sich um drei separate chiffrierte Texte:
Lediglich Text 2 konnte durch den anonymen Autor der Broschüre geknackt werden. Er fand heraus, dass es sich um eine Buch-Chiffre handelt. Bei diesem Verfahren steht jede Zahl für den Anfangsbuchstaben eines bestimmten Wortes in einem Referenztext. In diesem Fall war das die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.

Durch das Abzählen der Wörter in der Unabhängigkeitserklärung (z. B. Wort 115 beginnt mit „B“, Wort 73 mit „E“ usw.) entschlüsselte er folgenden Text (übersetzt aus dem Englischen):
„Ich habe in Bedford County, etwa vier Meilen von Bufords, in einer Aushöhlung zwei Meter unter der Erdoberfläche, die folgenden Gegenstände deponiert, die jenen Personen gehören, welche in Nummer drei genannt sind: Das erste Depot besteht aus 1.014 Pfund Gold und 3.812 Pfund Silber, eingelagert im November 1819. Das zweite Depot wurde im Dezember 1821 angelegt und besteht aus 1.907 Pfund Gold und 1.280 Pfund Silber; zudem Juwelen, erworben in St. Louis im Tausch für Silber, um den Transport zu erleichtern, und auf 13.000 Dollar geschätzt. Obiges ist sicher in eisernen Gefäßen mit Eisendeckeln verpackt. Der Hohlraum ist grob mit Steinen umfasst und die Gefäße ruhen auf hartem Gestein und sind mit solchen bedeckt. Papier Nummer eins beschreibt die genaue Lage des Hohlraums, sodass es nicht schwierig sein wird, ihn zu finden.“
Nach der Veröffentlichung der Broschüre setzte ein regelrechter Goldrausch im Bedford County ein. Bis heute Region von Schatzsuchern mit Metalldetektoren, Baggern und Wünschelruten durchkämmt, allerdings ohne Erfolg.
Die Chiffren der anderen beiden Texte jedoch konnten auch mit modernen Methoden der Kryptoanalyse nicht geknackt werden. Mitte des 20. Jahrhunderts analysierten Kryptoanalytiker der NSA die Papiere im Rahmen von Forschungsarbeiten, allerdings ohne Erfolg.
Viele moderne Kryptologen halten die Beale-Chiffren für eine Fälschung. Man vermutet, der Autor wollte mit dem Rätsel den Verkauf der Broschüre steigern. Moderne Analysen haben starke mathematische Zweifel an der Echtheit geschürt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass die Verteilung der Ziffern in den ungelösten Chiffren 1 und 3 signifikante Abweichungen zu Chiffre 2 aufweist.
Befürworter der Echtheit der Beale-Chiffren argumentieren, dass für Text 1 und 3 schlichtweg das falsche Buch verwendet wurde. Eine KI-gestützte statistische Analyse ergab 2025 tatsächlich, dass eine zufällige, also erfundene Zahlenauflistung weitgehend ausgeschlossen werden kann. Die Analyse bestätigte, dass die Datengrundlage von Text 1 und 3 aber vermutlich eine andere ist als bei Text 2.
Historiker suchten jahrzehntelang nach historischen Spuren der Person Thomas J. Beale. In den Steuer- und Volkszählungslisten von Virginia um 1820 tauchen zwar Männer mit dem Namen Thomas Beale auf, keiner passt jedoch exakt auf das Profil des Abenteurers. Einige vermuten sogar, niemand anderes als Edgar Allan Poe, der eine Leidenschaft für Kryptogramme hatte, steckt hinter dem Pseudonym.
Die Beale-Chiffren bleiben eines der berühmtesten ungelösten Kryptogramme der Welt, eine Mischung aus mathematischer Herausforderung und amerikanischem Mythos.
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Autor: Florian Schimikowski
Veröffentlicht am: 04.09.2026