Mit Spezialtechnik ausgestattete Tauben sollen laut einem russischen Technologie-Unternehmen gezielt steuerbar und als lebende Drohnen einsetzbar sein. Droht nun eine Welle an gefiederten russischen Spionen im Auftrag Putins, wie verschiedene Zeitungsmeldungen vermuten lassen?
Entgegen den Meldungen wie der britischen Boulevardzeitung SUN („Putins Wissenschaftler schicken eine erschreckende Staffel ferngesteuerter Spionagetauben“) liest sich die Pressemeldung des Technologie-Unternehmens Neiry deutlich sachlicher.
Das internationale Unternehmen mit Niederlassungen in Dubai und Moskau hat sich auf das Fachgebiet Neurotechnologie spezialisiert. In der vielzitierten Pressemeldung kündigt Neiry erste Tests von Bio-Drohnen an. Dabei geht es um ein Projekt, bei dem Tauben mit Spezialtechnik als Drohnen zum Einsatz kommen.
Die Tiere werden zu diesem Zweck mit implantierten neuronalen Schnittstellen und kompakten elektronischen Kameras in kleinen Rucksäcken ausgestattet. Die Vögel lassen sich durch Simulation ausgewählter Hirnregionen gezielt in bestimmte Richtungen lenken. Die Vögel selbst bemerken die Simulation nicht, sondern folgen ihrem so beeinflussten natürlichen Fluginstinkt.

Das Ziel des Bio-Drohnen-Projekts ist es, Alternativen zu schaffen für Situationen, in denen mechanische Drohnen an Reichweiten-, Gewichts- oder andere Grenzen stoßen. Die Reichweite der Tiere beträgt bis zu 400 Kilometer am Tag. Das Unternehmen spekuliert auf den Einsatz der Drohnen in Bereiche wie Infrastrukturinspektionen, Unterstützung bei Such- und Rettungsaktionen, Küsten- und Umweltbeobachtung sowie Überwachung abgelegener Gebiete.
Bisher wurden erste begrenzte Testflüge durchgeführt, um Reichweite, Stabilität und Datenübertragung zu evaluieren. Grundsätzlich sei es zudem möglich, das System auch bei anderen Vogelarten einzusetzen. Um Bedenken von Datenschützern vorzugreifen, betont das Unternehmen, dass identifizierende Daten direkt auf dem Gerät herausgefiltert werden, um lokalen Datenschutzbestimmungen zu entsprechen.
Die offiziellen Informationen lassen also nicht den Verdacht aufkommen, dass diese demnächst in ganz Europa für Putin spionieren würden. Falls ein großangelegter geheimdienstlicher Einsatz der Tauben geplant wäre, müsste man zudem davon ausgehen, dass die Angelegenheit geheim gehalten würde.
Grundsätzlich sind dies nicht die ersten Versuche, Tiere und Spionagetechnik gewinnbringend zu verbinden. Im Lauf der Spionagegeschichte finden sich einige solcher Beispiele:
Brieftauben mit automatisch auslösenden Kameras gab es bereits im Ersten Weltkrieg. In den 1960er-Jahren statt die CIA Katzen durch chirurgische Eingriffe mit Abhörtechnik aus, um sie als bewegliche Wanzen einzusetzen. Das Projekt Acoustic Kitty war allerdings ein Reinfall. Bekannt ist auch, dass die CIA in den 1970er-Jahren Tauben experimentierte, die mit Kameras ausgestattet waren. Bis heute unterliegen die Details zu diesen Taubenmissionen der Geheimhaltung.


Taubenkamera aus dem 1. Weltkrieg, CIA-Taube der 1970er-Jahre [Sammlung Deutsches Spionagemuseum | CIA]
2016 machten Meldungen die Runde, dass russische Forscher Ratten mit im Gehirn implantierten Mikrochips versahen. Dieser sollte die zerebralen Reaktionen der Ratte messen und die einzelnen Daten weiterleiten. Hintergrund war die Fähigkeit der Tiere, mit ihrem hochentwickelten Geruchsinn explosive Materialien und Drogen zu erschnüffeln. Entdeckten die Cyborg-Ratten einen derartigen Stoff, sollte umgehend eine Meldung an die Zentrale erfolgen.
Die Idee, Tiere mit Spionagetechnik zu versehen, ist also grundsätzlich nicht neu. Dennoch scheint dem russischen Unternehmen nun gelungen zu sein, diese Techniken auf ein neues Level zu heben.
Autor: Florian Schimikowski
Veröffentlicht am: 16.01.2026