Außergewöhnliche Spionagetechniken: Die Brieftauben-Fotografie

In der langen Geschichte der Spionage wurden immer wieder neue Wege gefunden, um Informationen zu sammeln. Die Kreativität bei der Adaption neu entwickelter Techniken scheint keine Grenzen zu kennen. Ein besonderes Kapitel der Luftspionage stellt die Brieftauben-Fotografie dar. Diese außergewöhnliche Technik wurde vor allem im Ersten Weltkrieg eingesetzt.

Als Erfinder der Technik gilt der Apotheker Julius Neubronner (1852-1932). Er nutze dabei die natürliche Fähigkeit von Brieftauben, auch von weit entfernten Orten stets den Weg zurück zu ihrem Heimatschlag zu finden. Zur Nachrichtenübermittlung wurden Tauben daher schon seit der Antike eingesetzt. Neben dem Überbringen von Nachrichten sollten die Tauben nach Neubronners Vorstellung nun auch dazu genutzt werden, fotografische Informationen des überflogenen Gebiets zu sammeln.

Der begeisterte Hobbyfotograf entwickelte Miniaturkameras und trainierte seine Brieftauben entsprechend. 1908 konnte er die Brieftauben-Fotografie zum Patent anmelden. Im Vergleich zur heutigen Luftspionage ist das „Datenvolumen“ dieser frühen fliegenden Spione allerdings begrenzt. Die frühen Miniaturkameras konnten 1-2 Bilder aufnehmen, ein späteres Modell war in der Lage, bis zu 12 Bilder zu machen. Für die damalige Zeit aber war die Technik der Kameras sehr fortschrittlich, vor allem im Hinblick auf die Größe und den automatischen Selbstauslöse-Mechanismus.

Natürlich war auch das Militär an dieser neuen Entwicklung interessiert. Allerdings mussten Spionagetauben für den mobilen militärischen Einsatz ein Spezialtraining absolvieren: Übliche Brieftauben sind nur daran gewöhnt, zu einem festen Taubenschlag zurückzukehren. Für die Nutzung von mobilen Taubenschlägen wurden die Tauben früh in ihrem Leben vorbereitet – unter anderem, indem man sie gleich in einem mobilen Taubenschlag aufzog. Problematisch war es zum Teil auch, die Kameratauben an der richtigen Stelle auszusetzen, damit sie auf ihrem Rückflug die entscheidenden Details abfotografierten. Man ließ die Tiere aus Fahrzeugen, Schiffen oder auch aus Panzern heraus abfliegen. Eine außergewöhnliche Methode nutzte die französische Armee im Zweiten Weltkrieg: Angeblich brachten trainierte Hunde die Tauben hinter die feindliche Linie und ließen diese dort starten.

So richtig durchsetzen konnte sich die Brieftauben-Fotografie auf dem militärischen Gebiet aber nicht. Das deutsche Kriegsministerium stellte die Nutzung nach dem ersten Weltkrieg offiziell ein. Obwohl sich mit der Weiterentwicklung der Kommunikationstechnik und der Luftfahrt immer mehr Konkurrenz für die Spionagetauben entwickelte, kamen diese vermutlich in geringem Maße auch im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz, wie die Bericht über die französische „Hunde-Tauben-Kooperation“ zeigt. Später wird die Taubenfotografie vor allem zu künstlerischen Zwecken genutzt. Allerdings scheint die CIA noch in den 1970er-Jahren mit der Taubenfotografie experimentiert zu haben, wie im CIA-Museum in den USA zu sehen ist – anscheinend ist es aber auch hier nicht zu einem dauerhaften Einsatz gekommen.

Obwohl es sich also wohl nicht um die erfolgreichste Spionagetechnik handelt, ist die Brieftauben-Fotografie aber sicherlich ein spannendes Beispiel für den Einfallsreichtum von Geheimdiensten und Militärs. Daher ist auch im Deutschen Spionagemuseum ein Taubenmodell mit originaler Miniaturkamera zu sehen. Ausführliche Informationen zur Taubenfotografie sowie weitere spannende Geschichten rund um das Thema Spionage bietet die Sendung „Theodor“ des rbb-Fernsehens (Rundfunk Berlin-Brandenburg) am Sonntag, 19.03.2017 um 18:32 Uhr. Die Moderation und die Interviews für diese Sendung wurden im Deutschen Spionagemuseum aufgenommen.

Fotos:

Bundesarchiv, Bild 183-R01996 / CC-BY-SA 3.0

Modell Brieftaubenfotografie Deutsches Spionagemuseum