Veranstaltungsrückblick: Eine öffentliche Selbstverbrennung – Das Fanal des Pfarrers Brüsewitz

Die Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz gehört zu den erschütterndsten Ereignissen der DDR-Geschichte. Neue Dokumente liefern nun weitere Erkenntnisse zu den Hintergründen. Anlass für eine Neuauflage einer Publikation zum Thema, die die Autoren am 15. September 2026 im Deutschen Spionagemuseum vorstellten.

Bislang unbekannte Kirchen-, Polizei- und Stasi-Akten

Die nun erschienene stark erweiterte Auflage der Publikation Das Fanal. Das Opfer des Pfarrers Oskar Brüsewitz am 18. August 1976 und die evangelische Kirche rekonstruiert akribisch den Hergang der Ereignisse um die Selbstverbrennung  sowie seine Nachwirkung. An diesem Abend im gaben die Autoren Helmut Müller-Enbergs und Wolfgang Stock im Deutschen Spionagemuseum Einblicke in die neuen Erkenntnisse. Die Autoren nutzen für diese Neuausgabe bislang unbekannte Kirchen-, Polizei- und Stasi-Akten.

Podiumsteilnehmer Veranstaltung zur Buchvorstellung über Pfarrer Brüsewitz
Helmut Matthies, Helmut Müller-Enbergs und Wolfgang Stock auf dem Podium des Deutschen Spionagemuseums

Ergänzt wurde diese Expertise durch den Theologen und Zeitzeugen Helmut Matthies, der sich lange intensiv mit der DDR-Kirchenpolitik beschäftigt hat. Er plante 1976, an der Beerdigung von Pfarrer Brüsewitz teilzunehmen, doch wurde ihm die Einreise durch die DDR-Behörden verweigert.

Leben und Motive von Brüsewitz

Das Buch zeichnet den Weg von Oskar Brüsewitz nach, der zunächst Schuhmacher war, bevor er Pfarrer in Rippicha wurde, einem Ortsteil der Gemeinde Gutenborn in Sachsen-Anhalt. Brüsewitz galt als hochgradig engagiert, baute Spielplätze und organisierte Kinderfeste, die den staatlichen DDR-Jugendorganisationen FDJ Konkurrenz machten. Er protestierte offen gegen die systematische Diskriminierung christlicher Kinder im DDR-Bildungssystem.

Die Autoren wiesen nach, dass Brüsewitz nicht nur unter dem Druck der SED-Organe stand, sondern auch in Konflikt mit der eigenen Kirchenleitung geriet. Diese empfand seine Aktionen oft als zu provokant und drängte ihn zu einem Wechsel der Pfarrstelle oder gar zur Ausreise in den Westen.

Aus politischem Protest gegen das SED-Regime und die Unterdrückung der Kirche in der DDR übergoss sich Brüsewitz am 18. August 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz mit Benzin und zündete sich an. Vier Tage nach der Tat erlag er im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Eine generalstabsmäßige Vertuschung

Müller-Enbergs und Stock zeichneten detailliert nach, wie das SED-Regime und das Ministerium für Staatssicherheit im Anschluss an die Tat versuchten, diese politisch zu neutralisieren. Brüsewitz wurde in staatlichen Medien gezielt als „Geisteskranker“, „Abnormaler“ und „Psychopath“ verleumdet, um dem politischen Protest die Glaubwürdigkeit zu nehmen.

Die Desinformationskampagne der Stasi reichte bis nach Westdeutschland, um auch dort das Bild des Pfarrers zu beschädigen. Die Autoren schildern, dass die Aufarbeitung des Falls selbst nach dem Mauerfall im wiedervereinigten Deutschland von ehemaligen Akteuren behindert wurde.

Stock übte zudem deutliche Kritik an Teilen der damaligen DDR-Kirchenleitung. Aus Angst vor Repressionen und um den mühsam ausgehandelten Frieden mit dem Staat nicht zu gefährden, ging die offizielle Kirche auf Distanz zur Tat und übernahm die Darstellung der Desinformationskampagne der Stasi.

An der kirchlichen Basis jedoch löste das Opfer eine massive Welle der Solidarität aus. An der Beerdigung am 26. August 1976 nahmen etwa 400 Menschen teil, darunter 70 Pfarrer, die sich bewusst offen im Talar zeigten.

Nach Ansicht der Autoren machte das Fanal den „Riss zwischen Glaube und Diktatur“ unübersehbar. Die Kirchen entwickelten sich infolgedessen immer mehr zu den Schutzräumen für die spätere Oppositions-, Friedens- und Umweltbewegung der DDR.


Autor: Florian Schimikowski

Veröffentlicht am: 24.09.2026