Hinter dem Kürzel H21 verbirgt sich die wohl berühmteste Spionin der Welt: Mata Hari. Die Frau dagegen, die lange nur als Mademoiselle Docteur bekannt war, dürften weniger Menschen kennen – zu Unrecht. Wer als Agentin im Ersten Weltkrieg die bessere Arbeit lieferte, dazu diskutierten Experten am 15. Mai 2026 im Deutschen Spionagemuseum.
Trotz Herrentag und einem Thema, dessen Geschehnisse mehr als 100 Jahre in der Vergangenheit liegen, war der Veranstaltungsraum im Deutschen Spionagemuseum gut besucht. Die Podiumsgäste waren die Historikerinnen Dr. Claudia Mocek und Karin Feuerstein-Praßer, als Moderator fungierte Bernd Palenda, ehemaliger Leiter des Berliner Verfassungsschutzes.
Beide Historikerinnen hatten sich in Publikation und Dokumentationen intensiv mit dem Leben von Mata Hari auseinandergesetzt und damit einhergehend auch mit Elsbeth Schragmüller, die als Mademoiselle Docteur ebenfalls im Ersten Weltkrieg spionierte.

Eingangs schilderte Feuerstein-Praßer, wie sich die Situation in der männerdominierten Welt vor und während des Ersten Weltkriegs gestaltete. Man habe Frauen damals abseits des trauten Heims generell kaum etwas zugetraut. Gerade erst hatten sie sich das Recht erkämpft, an Universitäten studieren zu können. Ein Wahlrecht für Frauen habe es im deutschen Kaiserreich noch nicht gegeben, das kam erst ab 1919. Eine weit verbreitete Voreingenommenheit gegenüber weiblichen Fähigkeiten blieb noch lange bestehen. Aus diesem Grund beschränkte sich auch der Mythos um weibliche Spione lange auf den Aspekt Erotik.
Viel Gemeinsamkeiten lassen sich beim Vergleich der beiden prominentesten Spioninnen des Ersten Weltkriegs nicht finden, da waren sich die Experten einig. Mata Hari, die eigentlich Margaretha Geertruida Zelle hieß, wuchs in einfachen Verhältnissen auf, wurde aber vom Vater verhätschelt. Auch nahm es der Vater mit der Wahrheit nicht so genau. Beides prägte ihr Leben: das Gefühl, für etwas besonders bestimmt zu sein, als auch ihr Hang zur Unwahrheit.
Mata Hari führte sie zunächst ein bürgerliches Leben, das durch eine unglückliche Ehe und den Tod eines Kindes geprägt war. Nach ihrer Scheidung zog sie nach Paris und erlangte Anfang des 20. Jahrhunderts unter der erfundenen Identität einer indischen Tempeltänzerin mit exotischen Tänzen große Berühmtheit. Sie bewegte sich in den höchsten Kreisen und hatte Affären mit zahlreichen einflussreichen Männern. Diese Kontakte bildeten auch die Grundlage für ihre spätere Spionagetätigkeit.
Schragmüllers Leben dagegen war ein Gegenentwurf zu dem von Mata Hari: Sie wuchs in wohlhabenden Kreisen auf, hatte Zugang zu Bildung und gehörte zu den ersten Frauen im Deutschen Kaiserreich, die erfolgreich promovierten. Teil ihrer umfassenden Bildung war ihre Mehrsprachigkeit, vor allem ein fast perfektes Französisch, welches die Grundlage ihrer späteren Beschäftigung für den deutschen Geheimdienst bildete.

Sehr unterschiedlich gestaltete sich auch die Motivation der beiden Frauen zur Spionage. Für Mata Hari war es vor allem die Notwendigkeit, ihren aufwendigen Lebensstil trotz ausbleibender Engagements im Ersten Weltkrieg aufrecht zu erhalten. Im Gegensatz zu Schragmüller war sie keine Patriotin, sondern stand als gebürtige Holländerin weder auf der deutschen noch auf der französischen Seite.
Schragmüller wollte dagegen unbedingt einen Beitrag zum Krieg leisten, sie drängte sich den Deutschen regelrecht auf. Schnell zeigt sich dann, dass sie so gut bei der Analyse von Informationen war, dass sie an Walter Nicolai, Leiter des deutschen militärischen Geheimdienstes Abteilung IIIb empfohlen wurde. Dies markierte ihren Aufstieg zur Leiterin der deutschen Spionageabteilung gegen Frankreich im Nachrichtendienst der Obersten Heeresleitung.
Auch die Bewertung der Spionagetätigkeiten der beiden Frauen fällt sehr unterschiedlich aus. Schragmüllers Fähigkeit, Agentennetzwerke aufzubauen sowie Informationen zusammenzutragen und zu analysieren wurde von ihren Vorgesetzten stets außerordentlich gelobt. Dagegen gilt Mata Hari gemeinhin als zwar bekannteste, aber wohl unerfolgreiche Agentin.
Nach allem, was man weiß, gelang es ihr nicht, relevante Informationen zu sammeln und weiterzuleiten. Stattdessen wurde sie von der Gegenseite mit sogenanntem Spielmaterial versorgt, also wertlosen Informationen, die den gegnerischen Geheimdienst in die Irre leiten sollen. Ebenso erkannte sie nicht, in welche Gefahr sie sich brachte, als sie ein Angebot der Franzosen annahm, auch für diese zu spionieren. Nach ihrer Entartung wurde sie in einem öffentlichkeitswirksamen Prozess verurteilt und schließlich hingerichtet.
Im Gegensatz dazu wurde Schragmüller nie enttarnt, die gegnerischen Geheimdienste kannten sie nur als Mademoiselle Docteur. Nach dem Krieg widmete sie sich wieder der Wissenschaft und wurde 1921 die erste weibliche Lehrstuhlassistentin für Volkswirtschaftslehre in Freiburg.
Während weibliche Mitarbeiter im Ersten Weltkrieg eine Ausnahme darstellen, hat sich die Situation in den vergangenen Jahren stark verändert. Für ein feministisches Novum sorgte Stella Rimington, die 1992 zur Direktorin des MI5 befördert wurde und damit die erste Frau Chefin eines Geheimdienstes darstellt.


Frauen an der Spitze moderner Geheimdienste: die ehemalige MI5-Direktorin Stella Rimington (li.) und MAD-Präsidentin Martina Rosenberg
Rimington war aber nicht die einzige Frau an der Spitze des MI5. 2002 bis 2007 übernahm diese Position Eliza Manningham-Buller. 2018 bis 2021 stand mit Gina Haspel eine Frau an der Spitze der CIA. 2021 bis 2025 war auch die Position des Director of National Intelligence und damit die Leitung der US Intelligence Community, Frauensache, nämlich die von Avril Haines. Seit 2025 hat der MI6 eine weibliche Direktorin: Blaise Metreweli.
Diese Entwicklung ist auch in Deutschland angekommen. Seit 2020 hat der deutsche Militärnachrichtendienst MAD mit Martina Rosenberg eine weibliche Chefin. Bei Verfassungsschutz und BND gibt es aktuell mit Silke Willems und Gabriele Monschau weibliche Vizepräsidentinnen.
Bilder: Stella Rimington: Andrew Davidson, CC BY-SA 4.0 | Martina Rosenberg: MAD
Autor: Florian Schimikowski
Veröffentlicht am: 22.05.2026