Tote Briefkästen werden seit langem zum Austausch von Informationen zwischen Geheimdiensten und ihren Quellen eingesetzt. Neben den klassischen analogen Varianten hat der MI6 nun ein System digitaler toter Briefkästen etabliert und will so mehr Personen ermutigen, Geheiminformationen zu liefern.
Ein toter Briefkasten ist ein geheimes Versteck in einem unauffälligen Gegenstand. Er befindet sich an einer abgesprochenen Stelle (oder wird dort platziert), die für den Absender und den Abholer zugänglich sein muss. Der Absender befüllt den toten Briefkasten – je nach Art des Absenders können das zum Beispiel geheime Unterlagen auf einem Speichermedium wie Mikrofilm, Tonband oder CDs sein, aber auch Chiffrierunterlagen, Geld oder gefälschte Ausweispapiere. Um dem Abholer zu signalisieren, dass der Briefkasten befüllt ist, platziert der Absender ein unauffälliges Signalzeichen an einem vereinbarten Ort.
Der Abholer sieht das Zeichen, leert den toten Briefkasten und entfernt das Signalzeichen (oder setzt ein eigenes Signalzeichen), um anzuzeigen, dass die Lieferung empfangen wurde. Der große Vorteil dieses Systems ist die Geheimhaltung, denn Absender und Abholer begegnen sich in der Regel nie und kennen so nicht die Identität des anderen. Selbst wenn eine der Personen enttarnt und verhaftet wird, kann diese daher keine Details zur anderen Person verraten.

Allerdings besteht die Gefahr, dass die enttarnte Person den Standort des toten Briefkastens preisgibt. Manchmal wird deshalb die Sicherheit des Systems durch ein zusätzliches Sicherheitszeichen erhöht: Dieses zeigt dem Abholer an, dass der tote Briefkasten sicher ist und nicht entdeckt wurde.
Vor allem im Kalten Krieg war der Informationsaustausch über tote Briefkästen eines der Standardverfahren für Spione und Geheimdienste. Der Begriff des toten Briefkastens lehnt sich an den englischen Geheimdienst-Ausdruck dead drop an. Eine direkte Übergabe von Dokumenten bei einem Treffen (oft blitzschnell im Vorbeigehen) heißt dort live drop – dafür gibt es im Deutschen keine entsprechende, ähnlich klangvolle Bezeichnung.
Im September 2025 startete der britische Auslandsnachrichtendienst MI6 das System Silent Courier. Dabei handelt es sich um ein Portal zu toten Briefkästen im Darknet, also dem digitalen Äquivalent zur traditionellen Spionagemethode. Auch hier werden Informationen an geheimen Orten hinterlegt – allerdings nun in Form digitaler Übergabestellen.
Dabei gibt es einen elementaren Unterschied: Während die traditionellen toten Briefkästen nur Eingeweihten bekannt waren, wirbt der MI6 öffentlich mit dem neuen System. Die neue, sichere Messaging-Plattform soll es jeder Person, die Zugang zu sensiblen Informationen hat, ermöglichen, Kontakt aufzunehmen. Im Vergleich zu traditionellen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit Geheimdiensten – oft über direkte Kanäle wie Botschaften oder Agentenführer – sei dies eine risikoärmere Alternative.
Der MI6 empfiehlt Nutzern des Portals zudem, vertrauenswürdige VPNs und Geräte zu verwenden, die nicht mit ihrer Person in Verbindung stehen, um die Risiken zu minimieren. Anleitungen zum Zugriff auf das Portal werden auf dem YouTube-Kanal des MI6 veröffentlicht.
Autor: Florian Schimikowski
Veröffentlicht am: 12.12.2025