Rückblick: Buchvorstellung „Die fremde Spionin“ – Spionageroman zum Mauerbau

 Vor 60 Jahren wurde am 13. August 1961 Berlin durch den Bau der Mauer zur geteilten Stadt. Die außergewöhnlichen Entwicklungen rund um dieses Ereignis hat der Autor Titus Müller zu einem packenden Spionageroman verarbeitet. Welcher Ort wäre besser geeignet, um Die fremde Spionin dem Berliner Publikum zu präsentieren als das Deutsche Spionagemuseum am Potsdamer Platz – genau dort, wo die Mauer einst die Stadt teilte. Am 10. August 2021, drei Tage vor dem geschichtsträchtigen Jubiläum, stellte Müller hier den Roman vor.

Duell der Geheimdienste im Kalten Krieg

Die Hauptfigur Ria Nachtmann lebt in der DDR und muss mit ansehen, wie die Stasi ihren Vater verhaftet. Sie führt anschließend ein nach außen hin angepasstes Leben, wächst in der Obhut einer systemtreuen Familie auf und absolviert eine Ausbildung. Innerlich aber sinnt sie auf Rache. Die Möglichkeit dazu bietet ihr der BND, der die junge Frau zur Informantin macht, als sie 1961 eine Stelle als Sekretärin im DDR-Ministerium für Außenhandel beginnt. Um die Arbeit der frischgebackenen Agentin zu verhindern, schickt der KGB einen erfahrenen Profikiller…

Neben diesen fiktiven, aber von realen Personen inspirierten Protagonisten bereichern den Roman von Titus Müller historische Persönlichkeiten. Dazu gehören unter anderem Erich Honecker, John F. Kennedy, BND-Chef Reinhard Gehlen und DDR-Wirtschaftsfunktionär Alexander Schalck-Golodkowski. Sie alle haben Anteil an den Entwicklungen. Durch Einblicke in die Gedankenwelt dieser Protagonisten gelingt es dem Autor, manch überraschendes Details zum Mauerbau zu erfahren.

Detailreiche Recherche zu Geschichte und Methoden der Spionage

Im Gespräch mit dem Historiker Florian Schimikowski schilderte Titus Müller, dass er sich schon seit langem mit dem Gedanken getragen hatte, einen Roman über den Bau der Berliner Mauer zu verfassen. Ein wenig habe dies sicherlich auch mit seinem persönlichen Hintergrund zu tun. Der 1977 geborene Müller verbrachte seine Kindheit in Ostberlin im Angesicht der Mauer. Zum Glück sei diese rechtzeitig vor seinem Berufsleben gefallen. Andernfalls hätte es mit der Karriere als Autor nicht funktioniert, denn in der DDR wäre er wohl Bäcker geworden.

In monatelanger Recherche habe er sich bei der Arbeit zum Roman eingehend sowohl mit der Arbeit der Geheimdienste in der Hauptstadt der Spione als auch mit dem Alltagsleben in der DDR auseinandergesetzt. Vieles davon hat Eingang in den Roman gefunden. Dadurch lernt der Leser sowohl zahlreiche Details zum Vorgehen von Agenten im Kalten Krieg als auch zum gegensätzlichen Lebensgefühl in Ost- und Westberlin kurz vor, während und unmittelbar nach dem Mauerbau.

Aktion Rose – Geheimhaltung de luxe

Nach wie vor schwer erstaunt sei der Autor davon, dass es gelungen sei, die umfangreichen Vorbereitungen zum Bau der Mauer, die unter dem Codenamen Aktion Rose lief, tatsächlich geheim zu halten. Zwar sei vielen Beobachtern – auch dem BND – bewusst gewesen, dass es Maßnahmen geben müsse, um den Flüchtlingsstrom aus der DDR zu verhindern. Auch seien Materialtransporte und Truppenbewegungen beobachtet worden. Schuld an der letztlich falschen Einschätzung der Lage durch den BND trug vor allem ein KGB-Doppelagent, der gezielte Fehlinformation lieferte.

Die Details der Aktion schildert Titus Müller nicht in Form eines nüchternen Sachberichts, sondern aus Sicht der federführenden Protagonisten. Dabei seien ihm oft reale Gegebenheiten zu Hilfe gekommen, wenn es darum ging die Szenerie lebendig zu halten. Einen schönen Kontrast zur grauen Berliner Tristesse bot beispielsweise die Fahrt des US-Präsidenten J.F. Kennedy auf seiner Yacht am Tag des Mauerbaus.

Dieser hatte dem sowjetischen Regierungschef Chruschtschow zuvor indirekt zu verstehen gegeben, dass er im Falle einer Abriegelung Ostberlins nicht eingreifen werde. Eine Zementierung des Status quo erschien den damaligen Supermächten reizvoller als ein möglicher Nuklearkrieg. Die Folgen teilten Berlin für 28 Jahre in zwei Hälften und erschwerten auch die Arbeit der Geheimdienste immens, wie sich im Fortgang des Romans zeigt…

Die Geschichte der BND-Agentin geht weiter

Der Roman Die fremde Spionin war der Auftaktband zu einer ganzen Spionagetrilogie. Der nächste Band Das zweite Geheimnis wird 2022 erscheinen. Er behandelt unter anderem die Guillaume-Affäre in den 1970er-Jahren, bei der die Enttarnung eines DDR-Spions zum Sturz von Bundeskanzler Willi Brandt beiträgt. Als abschließender Band ist für das har 2023 Der letzte Auftrag geplant. Dieser wird sich mit den Ereignissen rund um dem Mauerfall 1989 beschäftigen. Man darf gespannt sein, welche Abenteuer die BND-Agentin Ria Nachtmann noch durchleben wird.


Die nächste Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum findet am 16. September 2021 statt. Autor Peter Jochen Winters gibt Einblicke in die überarbeitete und ergänze Neufassung seines biografischen Porträts des langjährigen Leiters des DDR-Auslandsnachrichtendienstes HVA, Markus Wolf, das auf Basis von Archivquellen und persönlichen Gesprächen mit Wolf und weiteren Zeitzeugen entstand.