Rückblick: Die Akte Karl-Heinz Kurras. SED-Mitglied, Stasi-IM und Todesschütze

Das Jahr war 1967 und der Tatort die Krumme Straße, unweit der Deutschen Oper, in West-Berlin. Der persische Schah Mohammad Reza Pahlavi war zu Gast in der geteilten Stadt, die Stimmung kochte. Pahlavi regierte das Königreich Iran als Diktator mit eiserner Hand, in Europa war er das Feindbild der Studentenbewegung – auch in West-Berlin. Am 2. Juni 1967 besuchte er abends zusammen mit seiner Frau die Deutsche Oper in Charlottenburg, Demonstranten und Gegen-Demonstranten versammelten sich vor der Oper. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Anti- und Pro-Schah-Demonstranten, dazu eine völlig überforderte Polizei, die immer wieder das Kommando „Knüppel frei“ gab.

Plötzlich ein Schuss. Der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras schoss den Studenten Benno Ohnesorg aus weniger als zwei Metern Entfernung in den Hinterkopf. Ohnesorg war einer Gruppe Studenten gefolgt, die von der Polizei in einen Hinterhof in der Krummen Straße 66 getrieben worden waren. Kurras, an diesem Abend in zivil im Einsatz, erschoss ihn trotz der zahlreichen umstehenden Zeugen und Fotografen. Doch was trieb den Todesschützen, der später von jeglichen Vorwürfen freigesprochen wurde? Zur Erinnerung: Ohnesorgs Tod löste eine Welle von Demonstrationen und Protesten in Deutschland aus, die als „68er-Bewegung“ zu tiefgreifenden Konflikten und Veränderungen führten. Kurras‘ Todesschuss war dafür zwar nicht die Ursache, wohl aber der Auslöser.

SED-Ausweis von Kurras erstmals im Museum zu sehen

Was damals niemand wusste, sorgte 2009 für Schlagzeilen und Verschwörungstheorien: Denn Kurras war nicht nur „Informeller Mitarbeiter (IM)“ der Staatssicherheit der DDR, sondern auch Mitglied der Staats- und Regierungspartei SED. Die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs fanden per Zufall über 17 Aktenbände und Unterlagen über Karl-Heinz Kurras in den Hinterlassenschaften der Staatssicherheit. Handelte Kurras also im Auftrag der Stasi, als er Benno Ohnesorg erschoss?

Dies war und ist die Kardinalsfrage im Fall Kurras-Ohnesorg, die während der Podiumsdiskussion am 23. Januar 2020 im Deutschen Spionagemuseum diskutiert wurde. Zuvor gab es ein Novum und absolutes Highlight: Die Stasi-Unterlagenbehörde BStU übergab dem Deutschen Spionagemuseum den originalen SED-Mitgliedsausweis von Karl-Heinz Kurras als Leihgabe. Seit dem 24. Januar 2020 ist der vielleicht berühmteste SED-Ausweis der Geschichte nun für die Öffentlichkeit zu sehen. Seinen gebührenden Platz hat er im Bereich „Verschwörungstheorien“ gefunden, wo der Fall Kurras-Ohnesorg bereits seit Jahren behandelt wird.

Bundesbauftragter Roland Jahn im Deutschen Spionagemuseum

Zu diesem feierlichen Anlass lies es sich der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit Roland Jahn nicht nehmen, die bis auf den letzten Platz gefüllte Veranstaltung zu besuchen. In seinem Grußwort hob Jahn hervor, wie der Fall Karl-Heinz Kurras exemplarisch für die Bedeutung der Stasi-Archive und ihrer Aufarbeitung steht. Archive und Stasi, das sei eben gerade nichts Fernes und Totes, sondern gehe uns als Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft alle an; es handele sich nicht um ein „rein ostdeutsches Thema“, sondern um ein gesamtdeutsches Thema, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Um diese Erinnerung lebendig zu gestalten und ein breites Publikum zu erreichen, seien Kooperationen wie die zwischen der BStU und dem Deutschen Spionagemuseum wichtig und unverzichtbar.

„Kurras-Komplex“ und Verschwörungstheorie

Auf dem sachkundig besetzten Podium diskutierten anschließend Prof. Dr. Daniela Münkel aus der Forschungsabteilung der BStU und der Welt-Journalist Sven Felix Kellerhoff („Die Stasi und der Westen: Der Kurras-Komplex“). Souverän und mit Esprit moderierte die Pressesprecherin der BStU Dagmar Hovestädt, die durch geschickte Fragen nicht nur den Tathergang des Todesschusses am 2. Juni 1967, sondern auch die Zusammenarbeit von Kurras mit der Stasi rekonstruierte.

Kurras kam als Kriegsflüchtling aus Ostpreußen nach Berlin, wurde im sowjetischen Sektor wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt und landete im Lager Sachsenhausen. Dort kooperierte er mit den Aufsehern und wurde 1950 entlassen. Nur einen Monat später trat er in Charlottenburg in den Dienst der West-Berliner Polizei. 1955 meldete sich der bekennende KP-Sympathisant Kurras in Ost-Berlin und wollte eigentlich dort in den Dienst der Volkspolizei treten. Stattdessen wurde er als Inoffizieller Mitarbeiter „Otto Bohl“ geworben und lieferte Informationen aus der Westberliner Polizei.

Bis 1961 reiste Kurras dazu regelmäßig in den Osten der Stadt, wo er sich mit seinem Führungsoffizier in konspirativen Wohnungen traf. Nach dem Mauerbau hielt er über eine Kurierin, mit der er filmreife Treffs in West-Berlin verabredete, sowie über Agentenfunk die Verbindung in den Osten. Zahlreiche Zeugnisse dafür fanden sich 2009 in den Akten.

Gab die Stasi den Befehl zum Mord an Ohnesorg?

Nur auf die Kardinalsfrage nach dem Motiv von Kurras für den Mord an Ohnesorg, in deren Diskussion die Moderatorin Dagmar Hovestädt die Veranstaltung geschickt kulminieren lies, boten die Stasi-Akten wenig Antworten. Kein Auftrag der Stasi an Kurras ist erhalten, keine Vorabgespräche. Stattdessen halten die Akten fest, dass die Stasi-Mitarbeiter regelrecht schockiert über den Hergang der Ereignisse waren und ihren IM „Otto Bohl“ sofort aufforderten, jeglichen Kontakt einzustellen und alle Materialien zu vernichten.

Prof. Daniela Münkel ist sich deswegen sicher: Die Stasi spielte keine Rolle bei der Tötung Ohnesorgs. Sven Felix Kellerhoff hingegen ist sich da nicht so sicher und skizzierte zwei mögliche Szenarien: Einmal gab es die Möglichkeit, dass Kurras in einem Anfall von vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Stasi gezielt die Stimmung und gesellschaftlichen Konflikte im Land durch eine scharfe Aktion anheizen wollte. Auch seine Führungsoffiziere wussten schließlich um seine Manie für Schusswaffen und deren Einsatz. Andererseits gab es auch einen erstaunlichen Zufall just am Abend des 2. Juni 1967: Denn bei den Demonstrationen war auch ein bekannter Doppelagent und Nachrichtenhändler mit dem Namen „Ohnesorge“ zugegen. Hier mutmaßte Kellerhoff über eine mögliche Verwechslung der Namen durch Kurras. Wie das Podium aber unisono konstatierte, bleiben dies letztlich nur Spekulationen.

Der Einzige, der den Kurras-Komplex wirklich hätte auflösen können, war Karl-Heinz Kurras selbst. Und der nahm sein Geheimnis 2012 mit ins Grab.


Die nächste Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum am 28. Januar 2020 ist eine Filmpremiere: Produzentin Anke Ertner präsentiert »Das Treffen der Spione«.