Die Publikation „Spione im Kalten Krieg“ zeigt zuvor nie veröffentlichte Dokumente und bietet so neue Einblicke in die Arbeitswelt der Geheimdienste auf Mikroebene. Am 15. Oktober 2026 stellten die Autoren den Sammelband im Deutschen Spionagemuseum vor.
Das Buch Spione im frühen Kalten Krieg: Einblick in ihre Motive, Methoden und Netzwerk beleuchtet die menschliche Seite der Geheimdienstarbeit in Deutschland und Österreich. Der Sammelband rückt die von Geheimdiensten angeworbenen Personen in den Fokus. Wie ging es diesen Leuten? Was haben sie gemacht? Wie gingen sie methodisch vor? Welche Motive trieben sie an?
Neben den Herausgebern Dirk Bach und Ines Reich, Leiterin der Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam, fanden sich an diesem Abend im Deutschen Spionagemuseum auch Bodo Hechelhammer und Siegfried Beer, zwei der Historiker, die Beiträge zum Sammelband geleistet haben, auf dem Podium ein. Beispielhaft stellten die Experten Agentenbiografien aus der Publikation vor.
Bodo Hechelhammer etwa analysierte den Fall des BND/KGB-Doppelagenten Felfe, einen der größten Spionage- und Geheimdienstskandale in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Vor allem im Hinblick auf die Frage zu Loyalität und Verrat eröffne der Fall interessante Perspektiven, so der Historiker: Warum arbeitet ein ehemaliger überzeugter Nationalsozialist für den sowjetischen Geheimdienst?

Hechelhammer zeiget im Hinblick auf Felfes Motivation zwei Komponenten auf: Einerseits hatte Felfe ein großes Ego, welches der KGB gut umschmeichelte. Laut Hechelhammer lässt sich an zahlreichen Fällen belegen, dass die meisten Verräter wahnsinnige Narzissten sind. Außerdem waren für Felfe Geheimdienste die einzige institutionelle Konstante in einer turbulenten Zeit, in der die Systeme der deutschen Staaten mehrfach wechselten. Demnach war er der Organisation „Geheimdienst“ gegenüber loyal, nicht aber den Staaten.
Neben solch prominenten Fällen finden sich in der Publikation auch unbekannte Persönlichkeiten aus der Spionagewelt, etwa die von Gerhard Penzel. 1947/48 spionierte Penzel für den Vorläufer des BND, die Organisation Gehlen, Standorte in der UdSSR aus. Auch wenn Penzel lediglich ein „kleiner Fisch“ war und keine Staatsgeheimnisse verraten konnte, erhielt er nach seiner Verhaftung dennoch 25 Jahre Haft.
Das Besondere: Die Autoren konnte für diesen Fall die originalen Dokumente der Organisation Gehlen aus der Ermittlungsakte aus Moskau einsehen, ein bisher nie erfasster Quellenfund.
Auch wenn die diversen vorgestellten Biografien und Operationen ganz unterschiedliche Spionagekarrieren präsentieren, lässt sich die Bilanz der Publikation laut Reich doch zu einigen Kernpunkte zusammenfassen: Sie zeigt, wie stark die Spionagetätigkeit das Leben der angeworbenen Frauen und Männer sowie deren Familien und soziale Netzwerke prägte und oft gravierende Folgen hatte.
Gerade im Hinblick auf die Differenzierung der Motive bietet der Sammelband viel Material. Die Zusammenarbeit mit Nachrichtendiensten ging weit über reinen finanziellen Anreiz hinaus. Anhand des in den Geheimdiensten entwickelten MICE-Modells wird verdeutlicht, dass fast immer eine komplexe Kombination aus materiellen Anreizen (Money), ideologischen Sichtweisen (Ideology), Zwang (Coercion) und Geltungsdrang (Ego) zur Kooperation führte.
Zusammenfassend bricht das Werk die klassische, staatenzentrierte Spionagegeschichte auf eine menschliche und psychologische Ebene herunter und leistet so einen wesentlichen Beitrag zur historischen Mikroanalyse der Spionage.
Autor: Florian Schimikowski
Veröffentlicht am: 05.11.2026