Veranstaltungsrückblick: Die Kinder der Agenten

Die zweiteilige Dokumentarfilmreihe „Agentenkinder – Wenn die Eltern spionieren“ beleuchtet die deutsch-deutsche Spionagegeschichte aus der Sicht der Kinder der Agenten und die Auswirkungen der Spionagetätigkeit der Eltern auf ihr Leben. Am 22. September 2026 stellten die Macher und einige Protagonisten die Dokumentation im Deutschen Spionagemuseum vor.

Familienschicksale im Kalten Krieg

Laut Regisseurin Nina Rothermundt hatte die Dokumentation das Ziel, Spionage nicht als actionreiches Abenteuer, sondern als Familiengeschichte hinter der normalen Fassade des Familienalltags zu zeigen. Die Dokumentation umfasst zwei Teile: Verrat für die DDR und Verrat für den Westen. Sie lässt sich über die Mediatheken von 3sat und ZDF abrufen.

Im Mittelpunkt stehen sechs Kinder von Spionen, Verrätern oder Überläufern. Sie berichten, wie die plötzliche Enttarnung ihrer Eltern ihr Leben veränderte und zu einem jahrzehntelangen Ringen mit Fragen nach Schuld, Schweigen und Loyalität führte.

Normaler Familienalltag als Lebenslüge

Neben der Präsentation der Dokumentationsreihe gaben an diesem Abend auch einige Protagonisten auf dem Podium des Deutschen Spionagemuseums Einblicke in ihre Erlebnisse:

Einer davon war Thomas Raufeisen, dessen Vater Armin Raufeisen im Auftrag der HV A in der BRD Wirtschaftsspionage betrieb. Das Überlaufen von HV A-Offizier Werner Stiller in den Westen 1979 und die damit einhergehende Aufdeckung großer Agentennetzwerke beendeten die Spionagetätigkeit Armin Raufeisens.

Überstürzt musste sich die Familie in die DDR absetzen; Thomas Raufeisen war damals 16 Jahre alt. Raufeisen beschrieb die Nachricht, dass man von einem Tag auf den anderen in der DDR bleiben müsse, als „Vollschock“. Auch der Vater erkannte schließlich, dass das Leben in der DDR nicht das war, was er erwartet hatte.

Vorstellung der Dokumentarfilmreihe „Agentenkinder – Wenn die Eltern spionieren“ im Deutschen Spionagemuseum

Die Versuche der Familie jedoch, wieder in den Westen zu gelangen, führten zur Verhaftung wegen Fluchtversuchs und feindlicher Kontaktaufnahme. Während Arnim Raufeisen und auch die Mutter nach einigen Jahren Haft in den Westen gelangten, verstarb der Vater unter mysteriösen Umständen im Gefängnis.

Auch für Martina Tiedge, Tochter des 1985 übergelaufenen Verfassungsschutz-Spions Hansjoachim Tiedge, änderte sich das bis dahin größtenteils intakte Familienleben über Nacht. Familiärer Stress nach dem Tod der Mutter und Alkoholprobleme hatten ihn dazu bewogen, einen Neuanfang in der DDR zu suchen. Als Gegenleistung lieferte er dem MfS Informationen über den Verfassungsschutz.

Heute versteht sie den Selbstschutz des Vaters und seine Verzweiflung. Dennoch habe sie ihm nie verziehen, dass er die Familie im Stich gelassen hat. Diese blieb im Westen, während Tiedge erst in Ost-Berlin und schließlich in Moskau lebte. Die Familie fand nie wieder zusammen.

Pierre Boom, Sohn von Kanzleramtsspion Günter Guillaume, schilderte seine Kindheit bis zur Enttarnung seiner Eltern als normalen gutbürgerlichen Alltag. Der Tag der Enttarnung und Festnahme der Eltern stellte seine Existenz „auf den Kopf“. Boom war damals 17 Jahre alt. Es habe lange gedauert, bis er für sich einsah, dass sein gesamtes Leben vor diesem Ereignis eine Lüge gewesen sei.

Die Eltern wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt; Boom war aus wirtschaftlicher Not gezwungen, in die DDR überzusiedeln. Erst 1981 erfolgte der Austausch der Eltern in die DDR. Die Hoffnung, dass sich die Familie wieder so zusammenfinden würde, wie es davor war, erfüllte sich aber nicht.


Autor: Florian Schimikowski

Veröffentlicht am: 20.10.2026