Der Deutsche Freiheitssender 904 (DFS 904) war einer der bekanntesten Geheim- und Propagandafunksender der DDR während des Kalten Krieges. Sein gezieltes politisches Programm sollte nach dem Verbot der KPD die westdeutsche Bevölkerung beeinflussen. Erst die neue Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt setzte dem Geheimsender ein Ende.
Die Geburtsstunde des Senders fiel mit einem historischen Einschnitt der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte zusammen: Am 17. August 1956 verbot das Bundesverfassungsgericht die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Noch am selben Tag ging der DFS 904 erstmals auf Sendung. Initiiert und gesteuert wurde das Projekt vom Zentralkomitee der SED in enger Zusammenarbeit mit Funktionären der verbotenen westdeutschen KPD.

Mit dem Slogan „Hier ist der Deutsche Freiheitssender 904 – der einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht“ versuchte das Medium, gezielt oppositionelle Gruppen, Arbeiter und Jugendliche im Westen zu erreichen.
Um in der Bundesrepublik Akzeptanz zu finden, spielte der DFS 904 moderne Tanzmusik, Schlager und Rock ’n’ Roll. Da die DDR keine Urheberrechte an westliche Verwertungsgesellschaften zahlte, bediente sich die Redaktion ungeniert am westlichen Plattenmarkt. Dies machte das Programm vor allem bei Jugendlichen im Westen beliebt.
Zwischen den Musikstücken platzierte man scharfe Kommentare, politische Propaganda und Falschmeldungen. Ein Hauptziel war es, Stimmung gegen die neugegründete Bundeswehr, den NATO-Beitritt der Bundesrepublik und die geplante Stationierung von Atomwaffen auf westdeutschem Boden zu machen. Zudem sollte die bundesdeutsche Elite diskreditiert und die Basis der SPD und der westdeutschen Gewerkschaften gegen ihre eigene Führung aufgebracht werden, um die Arbeiterschaft zu spalten.
Eine Besonderheit waren regelmäßige kryptische Geheim-Mitteilungen (z. B. „Meerschweinchen: Heute droht der Adler.“). Diese sollten den Eindruck erwecken, der Sender stehe in direktem Kontakt mit einem aktiven Untergrund-Netzwerk im Westen. Die meisten dieser Geheimnachrichten waren jedoch frei erfunden, um die Glaubwürdigkeit und den konspirativen Charakter der Station zu inszenieren.
Um den Mythos des mobilen Untergrundsenders aufrechtzuerhalten, streute man das Gerücht, aus einem ständig in Bewegung befindlichen Lkw zu senden. In Wahrheit befand sich die Infrastruktur auf dem Gebiet der DDR. Die Beiträge wurden konspirativ produziert: Zuerst im Funkhaus Nalepastraße in Ost-Berlin, nach mehreren Standortwechseln ab Mitte der 1960er-Jahre in der Redaktionsvilla in Bestensee bei Königs Wusterhausen. Die Sprecher wurden bewusst so ausgewählt, dass sie unverkennbare westdeutsche Dialekte sprachen.

Die Ausstrahlung erfolgte über die leistungsstarke Großfunkanlage in Burg bei Magdeburg auf der Mittelwellenfrequenz 904 kHz. Dabei handelte es sich um eine sogenannte Splitfrequenz, die gegen internationale Richtlinien verstieß. Die Folge waren massive gegenseitige Störungen mit den regulären Stationen in London und Mailand, oft in Form von hohen Pfeiftönen.
Neben dem Deutschen Freiheitssender 904 existierte als Schwestersender ab 1960 der Deutsche Soldatensender 935, ebenfalls ein inoffizieller Geheimsender. Dieser sollte einen aus Westdeutschland operierenden Sender für unzufriedene Angehörige der Bundeswehr darstellen. In Wahrheit betrieb ihn die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR. Die Ausstrahlung erfolgte ebenfalls über die Großfunkanlage in Burg bei Magdeburg.
Das Konzept war dem des DFS 904 sehr ähnlich: Das Programm mischte moderne Unterhaltungs- und Popmusik mit kommunistischer Propaganda, um das Vertrauen der westdeutschen Soldaten in die Bundesführung und die NATO zu untergraben.
Anfang der 1970er-Jahre änderte sich das politische Klima im Zuge der neuen Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt. Im Zuge der Annäherung zwischen der DDR und der Bundesrepublik bemühte sich die SED-Führung um internationale Anerkennung. Geheimsender, die den Nachbarstaat destabilisieren sollten, passten nicht mehr in das Konzept der friedlichen Koexistenz.
Am 30. September 1971 stellte der Deutsche Freiheitssender 904 seinen Betrieb ein, ebenso wie kurz darauf der Deutsche Soldatensender 935. Historiker und ehemalige Beteiligte schätzten im Nachhinein die Wirksamkeit der jahrelangen Kampagne als eher gering ein. Zwar schalteten viele Westdeutsche wegen der guten Musik ein, die politische Botschaft verfehlte jedoch weitgehend ihre Wirkung.
Der Deutsche Freiheitssender 904 bleibt ebenso wie der Deutsche Soldatensender 935 ein faszinierendes Beispiel dafür, wie im Kalten Krieg Medien als psychologische Waffen eingesetzt wurden, um über Grenzen hinweg Einfluss auf die öffentliche Meinung des politischen Gegners zu nehmen.
Bilder: Titelbild Funkmast: Clker-Free-Vector-Images / Pixabay | Radio-Skala: wal_172619 / Pixabay | Funkhaus Nalepastraße: Bundesarchiv, Bild 183-J0701-0301-001 / CC-BY-SA 3.0 |
Autor: Florian Schimikowski
Veröffentlicht am: 30.09.2026