Veranstaltungsrückblick: Anschläge auf das Berliner Stromnetz

Bei Anschlägen auf das Berliner Stromnetz kam es 2025 und 2026 durch Brandstiftungen zu massiven, tagelangen Stromausfällen in mehreren Stadtteilen. Am 26. Mai 2026 diskutieren Politiker und Sicherheitsexperten im Deutschen Spionagemuseum, wie sich Angriffe auf kritische Infrastrukturen zukünftig verhindern lassen.

Wo liegt die Gefahr für die öffentliche Sicherheit?

Das Podium im Deutschen Spionagemuseum war prominent besetzt: Franziska Giffey, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Thilo Cablitz, Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Berliner Senatsverwaltung, Sicherheitsexperte Christian Mölling sowie Cybersecurity-Experte Matthias Schulze. Als Moderator führte Bernd Palenda, ehemals Leiter des Berliner Verfassungsschutzes, durch die Veranstaltung.

Podiumsgäste Veranstaltung "Anschlag auf Berlin"
Diskutierten im Deutschen Spionagemuseum: Matthias Schulze, Franziska Giffey, Bernd Palenda, Thilo Cablitz und Christian Mölling (v.l.n.r.)

Giffey machte gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich, dass der Schutz kritischer Infrastrukturen von elementarer Wichtigkeit sei. Beim Anschlag im Januar 2026 sei es sogar noch recht glimpflich abgelaufen. Das eigentliche Ziel der Täter war die Beschädigung eines Kraftwerks, stattdessen sei „nur“ ein neuralgischer Punkt der Infrastruktur erwischt worden.

Ein optimiertes Sicherheitskonzept soll in Zukunft neuralgische Punkte zuverlässiger schützen: das TOP-Konzept für verstärkte technische, organisatorische und physische Maßnahmen im Bereich der Energieversorgung.

Christian Mölling betonte, dass jeder Staat und jede Stadt von Sabotage bedroht sei. Die Vorbereitung auf solche Szenarien beschränke sich keineswegs auf Behörden und Wirtschaft, sondern betreffe auch die Zivilbevölkerung. Im Krisenfall habe der Staat in erster Linie mit denjenigen zu tun, die sich nicht selbst helfen können, etwa den Alten und Kranken. Die Bürger sollten also auch in der Lage sein, Eigeninitiative zu entwickeln, um Kapazitäten nicht zu überlasten, Selbsthilfe sei erste Bürgerpflicht.

Welche Infrastrukturen gelten als kritisch?

Thilo Cablitz machte deutlich, dass zu den kritischen Infrastrukturen neben dem Stromnetz oder der Trinkwasserversorgung auch der Cyberraum gehöre. Das Cyber Defence Center des ITDZ Berlin registriere 18 Millionen Cyberangriffe pro Jahr. Laut Giffey sei es auch der Arbeit dieser Experten zu verdanken, dass man den Großteil solcher Angriffe in der Öffentlichkeit kaum wahrnehme.

Als großes Sicherheitsproblem benannten die Experten die Tatsache, dass ein Großteil der genutzten Soft- und Hardware nicht aus Europa, sondern aus China oder den USA stamme. Gerade China interessiere sich für die deutschen Stromnetze als potenziellen Angriffspunkt bei zukünftigen Konflikten. 80% der hier genutzten Solarpanels kommen aus China. Diese seien oft mit Internet verbunden und auch darüber kontrollierbar. Eine großangelegte ferngesteuerte Abschaltung könnte massiven Schaden verursachen.

Podiumsgäste Veranstaltung "Anschlag auf Berlin"

Zudem finde ein Großteil des politischen Diskurses auf Plattformen aus den USA oder China statt, ergänzte Matthias Schulze. Hier biete sich ein perfektes Instrument, um das Vertrauen in staatliche Institutionen gezielt zu unterwandern. Das eigentliche Problem sei weniger der Ausfall bestimmter Infrastrukturen bei derartigen Angriffen, sondern deren Wirkung auf die Öffentlichkeit. Die dadurch entstandene Verunsicherung werde durch solche Plattformen amplifiziert und die Wirkung massiv verstärkt.

Christina Mölling und Franziska Giffey verwiesen darauf, dass Berlin als wirtschaftliche und politische Schaltzentrale ein bevorzugtes Ziel solcher Anschläge darstelle. Angriffe auf die Hauptstadt eines Landes hätten für die gesamte Bevölkerung eine hohe psychologische Wirkung.

Eigeninitiative als Schutzkonzept

Matthias Schulze kritisierte, dass es der Wohlstandsgesellschaft geschuldet sei, wenn viele Bürger zu sorglos seien. Man sei gewohnt, dass alles 24/7 funktioniere. Kernaufgabe eines guten Krisenmanagements sei es daher, die Resilienz der Bevölkerung zu erhöhen. Dazu gehöre auch die immer wieder beschworene Lagerung von Notfallmaterial und Lebensmitteln. Laut Thilo Cablitz könnten auch Schulungen durch das Amt für Katastrophenschutz oder die Berliner Feuerwehr an Schulen abgehalten werden.

Zu den vorbereitenden Schulungen gehöre zudem eine mentale Ausbildung. Nur so lasse sich das Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung, dass hierzulande rasch um sich greift, wenn etwas nicht wie gewohnt funktioniert, verhindern. Die Bevölkerung müsse sich bewusst machen, dass derartige Angriffe das Ziel haben, um den Staat und die Gesellschaft nachhaltig zu schwächen.

Ein häufiges Problem sei zudem, dass sich oft nur in der Theorie vorbereitet werde. Krisenreaktionspläne müssen stattdessen sinnvoll geprobt werden. Dazu würden auch die gängigen dreijährigen Großübungen nicht ausreichen. Übungen könnten beispielsweise auch im Hausverbund stattfinden.

Die Gefahr zukünftiger Angriffe auf Infrastrukturen schätzten alle Experten als ansteigend ein. Gerade im Hinblick auf den Ukraine-Krieg machte Christian Mölling deutlich: Je mehr Probleme Russland auf den Schlachtfeldern dort habe, desto mehr versuche es, die Unterstützung seines Gegners durch Angriffe auf Europa zu schwächen. Ein Thema also von höchster Aktualität und mit reichlich Handlungsbedarf.


Autor: Florian Schimikowski

Veröffentlicht am: 19.06.2026