Veranstaltungsrückblick: Zurück in eine dunkle Zukunft – Pläne für einen neuen Gulag?

In jüngsten Medienberichten tauchte wiederholt die Sorge vor der Einrichtung neuer „Gulags“ als Mittel russischer Repression auf. Experten diskutierten im Deutschen Spionagemuseum, was der Geheimdienst FSB damit zu tun hat und was die Entwicklung für die russische Gesellschaft bedeutet.

Osteuropa-Experten im Deutschen Spionagemuseum

Als Experten saßen am 24. Februar 2026 die Journalistin Gesine Dornblüth und der  Historiker Marc-Stephan Junge auf dem Podium im Deutschen Spionagemuseum. Die Auslandskorrespondentin und Autorin Dornblüth gilt als ausgewiesene Expertin für Osteuropa, insbesondere für Russland und die Ukraine.  Der Historiker Marc-Stephan Junge unterrichtet seit 2018 am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit Schwerpunkt Geschichte Osteuropas an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Als Moderator des Abends fungierte Gerhard Conrad, ehemaliger BND-Mitarbeiter und Vorstandsmitglied des GKND.

Podiumsgäste bei der Veranstaltung Neue Gulgas im März 2026
Marc-Stephan Junge, Gerhard Conrad und Gesine Dornblüth (v.l.n.r.) auf dem Podium im Deutschen Spionagemuseum

Junge erläuterte eingangs, was es mit den titelgebenden Gulags aus historischer Sicht auf sich hat: Gulags waren ein zentrales Instrument der Unterdrückung zur Disziplinierung der Bevölkerung in der Sowjetunion. Politische Gefangene und Kriminelle wurden in diesen Arbeitslagern unter brutalsten Bedingungen inhaftiert, oft in entlegenen Regionen. Diese Repressionen waren Teil des stalinistischen Terrorsystems und wurden nach Stalins Tod geschlossen.

Der aktuelle Stand der Entwicklung

Dornblüth warnte aber davor, sich bei der gegenwärtigen Debatte zu sehr auf den Begriff „Gulag“ zu versteifen. Dieser sei in den Medien bewusst gewählt worden, um ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zu generieren. Der Anlass zur Diskussion sei aber dennoch besorgniserregend: Der russische Inlandsgeheimdienst FSB hat 2025 die Kontrolle über mehrere Untersuchungshaftanstalten in Russland erhalten. Diese Einrichtungen standen bereits zu Sowjetzeiten unter KGB-Kontrolle. Beobachter befürchten eine gezielte Isolation politischer Gefangener, um deren Willen zu brechen.

Laut Marc-Stephan Junge ist damit ein neues Ausmaß an Repression gegen kritische Stimmen in Russland erreicht. In den meisten westlichen Staaten sei das Führen von Gefängnissen Aufgabe der Justiz, Geheimdienste hätten damit nichts zu tun. Seiner Meinung nach sei die Entwicklung als autoritär und diktatorisch zu werten.

Einschränkend ergänzte er, dass es noch Unterschiede zum stalinistischen Gulag-System gäbe. Damals gab es außergerichtliche Organe zur Verurteilung der Personen, die offizielle Justiz wurde übergangen. So weit sei es derzeit noch nicht, die Gerichtsbarkeit ist vom FSB getrennt. Dornblüth ergänzte dazu allerdings, dass in Russland nur noch pro forma ein unabhängiges Justizsystem existiere. Viele Urteile würden bereits zu Prozessbeginn von der Regierung vorgegeben.

Entsteht ein neuer KGB?

Gesine Dornblüth schilderte, dass der FSB in den vergangenen Jahren mit weiteren Vollmachten ausgestattet wurde. So kontrolliere der Geheimdienst die Zusammenarbeit russischer Wissenschaftler mit ausländischen Einrichtungen. Das Ziel sei es, die Weitergabe von russischen Forschungserkenntnissen ins Ausland streng zu überwachen. Auch das Verkehrswesen werde vom FSB kontrolliert: Alle Schiffe aus ausländischen Häfen, die russische Häfen anlaufen wollen, benötigen nun die Erlaubnis des FSB.

Podiumsgäste bei der Veranstaltung Neue Gulgas im März 2026

Die Bevölkerung bleibt von der Überwachung des FSB nicht verschont: Zugriffe auf Kredit-Informationen russischer Bürger seien für den Geheimdienst ohne Gerichtsbeschluss möglich und bieten eine Möglichkeit, Druck auszuüben. Ein weiteres Druckmittel ist das Recht des FSB, Mobilfunkanbieter anzuweisen, Internet- und Kommunikationsdienste für bestimmte Personen zu blockieren.

Der FSB sei laut dem Urteil der Experten damit auf dem Weg, die Machtfülle des KGB zu erhalten. Viel würde dazu nicht fehlen, höchstens noch die Eingliederung des Auslandsgeheimdienstes SWR und des Föderalen Schutzdienstes FSO, der für direkten Schutz des russischen Präsidenten und anderer hochrangiger Regierungsmitglieder zuständig ist.

Historiker Jung sieht auch hier Parallelen zur Sowjetunion: Schon Lenin und Stalin wussten, dass der Staat hilflos ist, wenn die Zivilgesellschaft unruhig wird und das System nicht mehr mitträgt. Genau aus diesem Grund hätten sie einen Repressionsapparat zur Einschüchterung der Bevölkerung aufgebaut.

Der Druck auf die russische Gesellschaft habe seit dem Amtsantritt Putins stetig zugenommen. Man könnte die Zunahme an Repressionsmaßnahmen Junge zufolge auch als Zeichen werten, dass die russische Zivilgesellschaft zunehmend nervös werde. Vielleicht stehe das System Putin intern unter größerem Druck, als man von außen wahrnehme.


Autor: Florian Schimikowski

Veröffentlicht am: 13.03.2026