Veranstaltungsrückblick: Das Versagen – die deutsche Russlandpolitik

Eine neue Publikation deckt schonungslos auf, wie die politischen Verantwortlichen viel zu lange Warnungen zu Putins wahren Absichten und kritische Stimmen in der deutschen Russlandpolitik ignorierten. Am 17. Februar 2026 stellten die Autoren das Buch im Deutschen Spionagemuseum vor.

Beginn einer politischen Fehlentwicklung

Den Journalisten Katja Gloger und Georg Mascolo gelang in der Publikation Das Versagen – Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik eine umfassende kritische Aufarbeitung der deutschen Russlandpolitik der letzten Jahrzehnte. Die Basis der Recherche bildeten zahlreiche ausgewertete Geheimdokumente und Gespräche mit Dutzenden Zeitzeugen.

Laut Gloger sei Putins radikale Ideologisierung und das Ziel, Russland als Großmacht zu etablieren, bereits kurz nach Beginn seiner Herrschaft zu beobachten gewesen. Immer wieder wurde die Frage gestellt: Gab es einen anderen Putin als den gegenwärtigen Machtpolitiker? 2001 schien es so, als Putin, damals gerade erst zwei Jahre im Amt, eine freundliche, fast unbeholfene Rede vor dem Bundestag hielt.

Großes Interesse an der deutschen Russlandpolitik: Veranstaltungsraum im Deutschen Spionagemuseum

Recherchen aber machen deutlich, dass genau dieser Eindruck gezielt erweckt werden sollte. Putin habe vor der Rede Rat von Personen eingeholt, die große Erfahrung im politischen Betrieb Deutschlands besaßen. Dazu gehörte unter anderem Horst Teltschik, enger Berater von Kanzler Kohl, von dem eine Kernaussage der Rede stammt: „Russland ist ein freundliches europäisches Land.”

Die Rede hinterließ einen nachhaltigen Eindruck und beeinflusste die deutsche Russlandpolitik über Jahre hinweg. Da hätte auch die Tatsache nicht gestört, dass Putin schon damals einen Krieg in Tschetschenien führte. Angesichts der letzten Entwicklungen sei aber klar geworden: einen „anderen“ Putin als den aktuellen habe es nie gegeben, so Gloger.

Wo hat die deutsche Politik versagt?

Die deutsche Politik habe laut Mascolo Putin damals nutzen wollen, um die Beziehungen zu Russland zu optimieren. Dabei hätte angesichts antidemokratischer Tendenzen und der Unterdrückung von Kritikern sehr früh erkannt werden müssen, dass Putin diese Erwartungen nicht erfüllen würde. Bis zum Beginn des Ukrainekriegs jedoch seien die Konsequenzen der deutschen Politik viel zu schwach ausgefallen.

Georg Mascolo, Moderator Helmut Müller-Enbergs und Katja Gloger (v.l.n.r.)

Man hätte lange diskutiert, ob man die sehr starke Aussage „Das Versagen“ als Titel der Publikation verwenden wolle, führte Gloger aus. Letztendlich sei man aber zu dem Schluss gekommen, dass diese durchaus gerechtfertigt sei. Spätestens nach der Besetzung der Krim 2014 sei eigentlich klar gewesen, mit welchem Putin man es zu tun habe.

Doch anstatt dementsprechend zu handeln, sei die Energieabhängigkeit von Russland weiter ausgebaut worden. Auch über eine Reform der Bundeswehr oder der Nachrichtendienste wurde lediglich diskutiert, ohne tatkräftige Entscheidungen zu treffen. Anders sehe es bei den angelsächsischen Ländern aus, dort würden die Nachrichtendienste als First Line of Defense gesehen und dementsprechend gefördert.

„Zeitenwende“ kam nicht überraschend

Beide Autoren schildern Gespräche mit US-Vertretern bei der zurückliegenden Münchener Sicherheitskonferenz, in denen die Enttäuschung über die Tatenlosigkeit europäischer Staaten geäußert wurde. Seit Anfang der 2000er-Jahre hätte es wiederholt Mahnungen der USA an Europa gegeben, sich aus der Abhängigkeit eines US-Schutzes zu lösen, ohne dass eine Reaktion erfolgt sei.

Viel zu lange hätte die europäische Politik davon aber nichts hören wollen. Nun kämen die Entwicklungen mit einer Wucht daher, die die Brisanz haben, unsere Gesellschaften aus der Bahn zu schmeißen, so Mascolo.

Erst das Entsetzen und der Schock über den Beginn des Ukrainekriegs hätten zu einem Aufwachen geführt. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz hat einen Tag darauf von einer „Zeitenwende“ gesprochen. Nun gäbe es Reaktionen wie eine militärische Aufrüstung und auch die Energieabhängigkeit von Russland sei massiv reduziert worden – mit enormen Kosten. Genug werde allerdings immer noch nicht getan, so könnten etwa die verhängten Sanktionen entschlossener und härter ausfallen, so das Urteil der Autoren.


Autor: Florian Schimikowski

Veröffentlicht am: 20.02.2026