Geschichte des Lügendetektors 1: Erfindung und Mythenbildung

Vor über 100 Jahren wurde der Lügendetektor erfunden. Was war die Motivation, die die Wissenschaftler dabei antrieb? Wer waren die maßgeblichen Köpfe hinter der Entwicklung? Wir werfen einen Blick auf die Frühgeschichte dieses außergewöhnlichen Geräts, über dessen Aussagekraft sich bis heute die Geister scheiden.

Das Ziel: Wissenschaftliche Wahrheitsfindung

Ende des 19. Jahrhunderts begannen mehrere Wissenschaftler, nach Möglichkeiten zu forschen, um die bisherigen subjektiven und oft brutalen Verhörmethoden durch eine objektive, wissenschaftlich fundierte Vorgehensweise zu ersetzen. Bis dahin verließ man sich bei Verhören auf die Intuition der Ermittler (oftmals trügerisch), auf Aussagen von Zeugen (teils unzuverlässig und manchmal gezielt manipulierend) oder übte psychischen wie physischen Druck aus (oft bis hin zu Folter).  

Zweifelhafte Methoden der Wahrheitsfindung: Folterkeller der Inquisition im 17. Jahrhundert

Psychologen wie Carl Gustav Jung, Max Wertheimer oder William Marston entwickelten Konzepte, nach denen Lügen bei vielen Menschen eine emotionale Erregung auslöst. Diese zeige sich in unwillkürlichen Reaktionen des sympathischen Nervensystems, das Blutdruck, Puls, Atmung und Schweißproduktion beeinflusst. Es gab erste Versuche, wie mit welchen Fragen man diese Reaktionen gezielt auslösen und dann messtechnisch erfassen könnte.

Auch wenn diesen Versuchen der finale Erfolg verwehrt blieb, so legten sie doch die Grundlage für die kommende Entwicklung von Lügendetektoren.

Die Erfindung des Lügendetektors

Der entscheidende Durchbruch bei der Entwicklung des modernen Lügendetektors gelang dem Polizisten und Psychiater John Larson. Ab 1921 konnte er seinen Polygrafen bei der Polizeiarbeit in Kalifornien einsetzen. Maßgeblich beeinflusst wurde er dabei vor allem durch Marstons Vorarbeit, der bei Tests die Herzfrequenz und den Blutdruck seiner Probanden protokollierte. Als elementar erwies sich zudem ein Gerät des Arztes James Mackenzie, das als Vorläufer des EKG gilt und Herzrhythmen auf Papier aufzeichnete.

Larsons Polygraf erfasste den Blutdruck, den Puls und die Atemfrequenz des Probanden und zeichnete die Daten auf Rauchpapier auf. Neben einem recht komplizierten Aufbau des Geräts erwies sich vor allem die Datenspeicherung auf Rauchpapier als problematisch. Die vom Gerät erstellten Diagramme mussten lackiert und in Dosen aufbewahrt werden, oft wurden sie spröde und zerbrachen.

Die maßgeblichen Köpfe hinter der Entwicklung des modernen Lügendetektors: Leonarde Keeler (l.) und John Larson (r.)

Larsons Assistent Leonarde Keeler übernahm nach dessen Ausscheiden aus dem Polizeidienst die Weiterentwicklung des Polygrafen. Es gelang ihm, die Praxistauglichkeit erheblich zu verbessern, indem das Gerät transportabler wurde und anstelle von Rauchpapier mechanische Tintenstifte zur Aufzeichnung auf Diagrammpapier zum Einsatz kamen. 1931 erhielt Keeler das erste Patent auf einen Lügendetektor überhaupt. Vier Jahre später setzte er seinen Polygrafen erstmals erfolgreich bei einer Gerichtsverhandlung ein.

In den darauffolgenden Jahren optimierte Keeler den Lügendetektor weiter und fügte als vierten Parameter die Messung der elektrodermalen Aktivität hinzu. Dies bezeichnet die Veränderung der elektrischen Leitfähigkeit der Haut, welche sich je nachdem, wie stark man schwitzt, verändert. Der Polygraf wurde nun serienmäßig produziert und kam in zahlreichen US-Städten zur Anwendung.

Außerdem gründete Keeler 1938 die erste Polygrafenschule, das sogenannte Keeler-Institut. Dort wurde Personal von Strafverfolgungsbehörden im Umgang mit dem Polygrafen und der Interpretation der physiologischen Reaktionen geschult.

Der Mythos des unfehlbaren Lügendetektors

Neben der technischen Weiterentwicklung des Polygrafen hatte Keeler zudem großen Anteil an der Steigerung der Bekanntheit des Geräts. Es gelang ihm immer wieder durch den Einsatz von Polygrafen bei teils spektakulären Gerichtsfällen, das Interesse der Medien an dem Gerät zu wecken. Bald setzte sich in der Presse der Begriff Lügendetektor für den Polygrafen durch.

Keeler warb damit, dass ein Polygrafentest mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 99 % einen Lügner überführen könne. Die fehlenden Prozentpunkte zur Unfehlbarkeit seien lediglich auf technische Fehler zurückzuführen.

Werbewirksamer Auftritt: der Lügendetektor eroberte ab 1948 auch Hollywood

Die Öffentlichkeitsarbeit Keelers beschränkte sich keineswegs auf den juristischen oder wissenschaftlichen Fachbereich: So spielte er höchstpersönlich einen Polygrafisten in dem 1948 erschienenen Film Call Northside 777 mit James Stewart. Der Lügendetektortest erhielt in den folgenden Jahrzehnten einen festen Platz in amerikanischen Krimifilmen.

Ob sich der Mythos des unfehlbaren Polygrafen tatsächlich halten ließ und wie die Entwicklung im Kalten Krieg bis in die Gegenwart weitergeht, erfahren wir in Teil 2 der Geschichte des Lügendetektors.


Autor: Florian Schimikowski

Veröffentlicht am: 07.01.2026