Rudolf F. Staritz – Der letzte Zeitzeuge des militärischen Geheimdienstes der Nazis ist tot!

Ein Nachruf von Franz-M. Günther / Gründer Deutsches Spionagemuseum

Die Suche hatte ein Ende. Nach jahrelangen Recherchen bekam ich 2012 einen Hinweis, wo ich vielleicht Glück mit einer Enigma-Chiffriermaschine der Wehrmacht haben könnte. Dieser Hinweis stellte sich schnell als einmalige Goldgrube für das Deutsche Spionagemuseum heraus – was es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab, sich aber in den letzten Zügen der Planungen befand.

Rudolf F. Staritz war nicht nur ein wichtiger Zeitzeuge der deutschen Abwehr im Dritten Reich, sondern auch Sammler bedeutender Chiffriermaschinen, wertvoller Dokumente und einer Geheimdienstbibliothek. Er baute eine der umfangreichsten deutschen Sammlungen zur Funk- und Kryptotechnik auf.

Kurzum, wie Staritz nach stundenlangen Erzählungen oft zu sagen pflegte, er veräußerte mir seine historisch wertvolle Sammlung und war und ist als Zeitzeuge mit umfangreichen Interviews für das Museum von unschätzbarem Wert. International wurde sein gewaltiges Wissen geschätzt und gefragt.

Rudolf F. Staritz – ein Repräsentant deutscher Zeitgeschichte ist am vergangenen Samstag im Alter von 99 Jahren verstorben. Sein Vermächtnis ist im Deutschen Spionagemuseum zu sehen und zu hören. Ein herzlicher und bescheidener Mann aus Thüringen hinterlässt einen eindrucksvollen Fußabdruck.

Rudolf Staritz im Zeitzeugeninterview für das Deutsche Spionagemuseum

Ein Leben für die Nachrichtentechnik

Funker bei der Abwehr im Zweiten Weltkrieg

Schon in seiner Jugend begeisterte sich der 1921 an der Oberen Saale geborene Staritz für Funktechnik. Mit 17 Jahren wurde er Mitglied im Amateur-Sende- und Empfangsdienst, anschließend begann er ein Studium der Elektrotechnik. Aufgrund seines umfangreichen Wissens zur Funk- und Kryptotechnik gelangte er 1940 zum Amt Ausland/Abwehr, dem militärischen Nachrichtendienst des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht.

Über seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg während des katastrophalen Verlaufs des Russland-Feldzugs berichtete er im Zeitzeugeninterview für das Deutsche Spionagemuseum. Als Funker und Funkausbilder trainierte er Agenten, die anschließend hinter den feindlichen Linien abgesetzt wurden, um dort Aufklärung und Sabotage zu betreiben. Außerdem konstruierte er leicht zu versteckende Agentenfunkgeräte.

Rudolf Staritz in Wehrmachtsuniform

Zum Ende des Krieges musste Staritz selbst zum Geheimeinsatz hinter die feindliche Front. Mit knapper Not gelang es ihm und wenigen Kameraden ohne Funkverbindung und getarnt in russischen Uniformen durch die extreme russische Kälte zurück nach Deutschland zu gelangen. Der unerschütterliche Humor von Rudolf Staritz, der ihm sicher dabei half, diese traumatischen Erlebnisse zu überwinden, zeigt sich in seinem Resümee seiner Abwehr-Zeit: „5 Jahre Krieg – und doch nur bis zum Obergefreiten…“

Renommierter Technikexperte und charismatischer Zeitzeuge

Nach dem Krieg blieb Staritz der Funktechnik treu. Er beendete sein Studium und arbeitete in den folgenden Jahrzehnten für Forschungsinstitute der Bundespost. Schwerpunkte seiner umfangreichen Tätigkeiten bildeten Computerperipherietechnik sowie Kommunikation per Satellitenübertragung.

Rudolf Staritz 2017 mit der Enigma I aus seiner Sammlung in der Dauerausstellung des Deutschen Spionagemuseums

Sein Wissen zum Thema Nachrichtentechnik im Zweiten Weltkrieg teilte er in zahlreichen Vorträgen und Publikationen. In Fachkreisen gilt vor allem das zusammen mit Louis Meulstee erstellte Clandestine Radio. Wireless for the Warrior. Vol. 4 bis heute als Standardwerk.

Bis ins hohe Alter bewahrte sich Staritz einen wachen Geist und einen scharfsinnigen Humor. Davon konnten sich 2017 auch die Besucher einer Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum überzeugen, als Staritz zusammen mit Sir John Dermot Turing, dem Neffen von Alan Turing, außergewöhnliche Einblicke in die Geschichte der Chiffriermaschine Enigma gab. Ein unvergesslicher Abend für alle Beteiligten.