Wende im 2. Weltkrieg: Vor 75 Jahren erbeutete ein britischer Zerstörer Enigma M4-Codebücher

Die Fakten um die Entschlüsselung der deutschen Enigma-Chiffriermaschine sind ein faszinierendes Kapitel der Geheimdienstgeschichte. Wir haben bereits in mehreren Artikeln einige Aspekte beleuchtet: Angefangen von der Konstruktion der Chiffriermaschine anhand der Enigma I, die im Deutschen Spionagemuseum zu sehen ist, über die ersten Dechiffrier-Erfolge des polnischen Geheimdienstes, bis hin zur bahnbrechenden Arbeit der Codeknacker in Bletchley Park.

Während die Enigma I bereits seit 1940 erfolgreich geknackt worden war, stellten die speziellen Enigma-Modelle der deutschen Kriegsmarine die englischen Codeknacker lange vor große Probleme. Die hier zum Einsatz kommende Enigma M3 verfügte über einen größeren Walzensatz und wurde erst nach einer spektakulären Aktion des britischen Zerstörers HMS Bulldog im Mai 1941 geknackt, bei der die Royal Navy unter anderem ein solches Modell aus einem deutschen U-Boot erbeutete. Als die Kriegsmarine ihre Kommunikation im Februar 1942 allerdings auf die Enigma M4 umstellte, war es den Codekackern in Bletchley Park zehn Monate lang nicht möglich, diese zu knacken. Für die britischen Kriegshandlungen und insbesondere die Bekämpfung der deutschen U-Boote war dies katastrophal. Bezeichnenderweise nannten die Codeknacker diese Phase „black out“. Statt mit drei Walzen wie die bisherigen Enigma-Modelle verfügte die Enigma M4 über vier Walzen, die aus einem Satz von insgesamt acht Walzen ausgewählt wurden. Die Anweisungen zur Auswahl und Einstellung der Walzen sowie dem Stecken der Kabel im Steckerbrett (bei der Enigma M4 wurden 10 Steckverbindungen durchgeführt) befanden sich als Teil des sogenannten „Schlüsselnetzes Triton“ in streng geheimen Codebüchern. Damit diese nicht in die Hände des Feindes langen konnten, wurden sie mit wasserlöslicher Tinte auf Löschpapier gedruckt, um eine schnelle Zerstörung zu ermöglichen.

Erst der 30. Oktober 1942 brachte für die Codeknacker im Bletchley Park die Wende: Zusammen mit vier weiteren Zerstörern zwang der britische Zerstörer HMS Petard das deutsche U-Boot U 559 zum Auftauchen. Die deutsche Besatzung wurde größtenteils gerettet. Das durch Wasserbomben schwer beschädigte U-Boot begann zu sinken, dennoch drangen mehrerer Besatzungsmitglieder in das U-Boot ein und retteten auf diese Weise Codebücher wie das Kurzsignalheft und den Wetterkurzschlüssel, die die Anweisungen zum Verschlüsseln der Enigma M4 enthielten. Kurzsignalheft und Wetterkurzschlüssel dienten dazu, häufig verwendeten Begriffen wie Wettermeldungen, Sätze, Befehle und ähnliches geheime Buchstabenkombinationen gegenüberzustellen. Damit sollten einerseits die Funksprüche verkürzt werden, da längere Funksprüche eine Funkpeilung der U-Boote durch den Gegner erleichterte, und andererseits die Nachricht selbst bei Dechiffrierung schwerer lesbar erscheinen. Die Operation war außerordentlich riskant, zwei britische Seeleute schafften es nicht mehr, U 559 rechtzeitig zu verlassen und ertranken.

Der Wert der Unterlagen wurde sofort erkannt, sie gelangten rasch nach Bletchley Park. Auf ihrer Grundlage wurde in der Folge die Enigma M4 geknackt und der Funkverkehr der deutschen Marine erfolgreich entziffert. Die Rettung der Unterlagen blieb streng geheim, um zu verhindern, dass die Deutschen ihr Chiffriersystem erneut umstellten. Der Einsatz der Seeleute und die Arbeit der Codeknacker in Bletchley Park hat den Kampf der Alliierten gegen die deutschen U-Boote und damit den 2. Weltkrieg deutlich verkürzt. Wer an weiteren Details zu diesem spannenden Kapitel der Geheimdienstgeschichte interessiert ist, sollte am 5. Dezember 2017 in das Deutsche Spionagemuseum kommen: Sir Dermut Turing, Neffe des Mathematikers Allan Turing, der die Arbeit im Bletchley Park maßgeblich geprägt hat, ist im Rahmen der Veranstaltung „Der Enigma Code“ zu Gast. Der Eintritt ist wie immer frei.

 

Bilder

Close-up Enigma M4: Antoine Taveneaux
Enigma M4: brewbooks from near Seattle
HMS Petard: Royal Navy official photographer