Aktuell: Kaspersky und die Geheimdienste – ein vielschichtiges Verhältnis

Diese Woche hat die US-Regierung ihren Bundesbehörden verboten, die Virenschutzprogramme des russischen Unternehmens Kaspersky Lab weiterhin zu nutzen. In spätestens 90 Tagen soll sämtliche Kaspersky-Software von den Rechnern entfernt werden. Der Vorwurf: Es könnte Verbindungen zwischen dem Unternehmen und russischen Behörden und Geheimdiensten geben. Daher sei es möglich, dass diese über die Virenschutzprogramme Rechner der US-Regierung infiltrieren. Ist an den Vorwürfen etwas dran, oder handelt es sich eher um einen Propaganda-Schachzug der US-Regierung gegen ein ausländisches Unternehmen?

Neu ist der Vorwurf nicht, bereits im Juli dieses Jahres erging das Verbot, dass US-Regierungsstellen keine Kaspersky-Software mehr einkaufen dürfen. Kaspersky Lab wies die Vorwürfe scharf zurück und spricht von falschen Behauptungen. Niemals habe das Unternehmen für irgendeine Regierung Cyberspionage betrieben. Der Kreml nannte die US-Beschlüsse gehen das Unternehmen eine „politisierte Entscheidung“. Allerdings gibt es zumindest in der Vergangenheit durchaus Verbindungen des Unternehmens – und insbesondere ihres Gründers – zu Geheimdiensten. Jewgeni Kaspersky studierte Mathematik, Kryptographie und Computertechnologie an der Technischen Fakultät der KGB-Hochschule. Zwar wurde das KGB 1991 aufgelöst, die Hochschule existiert aber weiterhin, gegenwärtig betrieben vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Nach dem Studium arbeitete Kaspersky einige Zeit für ein militärisches Forschungsinstitut unter anderem im Bereich Spionage. 1997 gründete er sein eigenes Unternehmen.

In den jüngsten Aussagen verneinte das Unternehmen jegliche Zusammenarbeit mit Geheimdiensten. 2013 in einem Interview mit einem russischen Magazin äußerte sich Jewgeni Kaspersky noch anders: Man kooperiere mit dem FSB als auch mit Amerikanern und europäischen Sicherheitsbehörden im Hinblick auf Sicherheitsfragen und Cyberkriminalität. Auch sind Unternehmen in Russland zum Teil erheblichem Druck seitens der Regierung ausgesetzt. Laut Gesetz sind zum Beispiel russische Telekommunikationsunternehmen verpflichtet, auf Anfrage mit den Regierungsbehörden zu kooperieren. Experten äußeren schon seit längerem Zweifel, dass es einem Unternehmen in Russland möglich sei, auf die Größe von Kaspersky Lab zu wachsen, ohne jegliche Beziehungen zur Regierung zu unterhalten.

Auf der einen Seite wird Kaspersky Lab vorgeworfen, gezielt russische Schadsoftware zu ignorieren, auf der anderen Seite aber veröffentlichte das Unternehmen regelmäßig Berichte über ebensolche Software. Auch vor westlichen Geheimdiensten und deren Software warnte das Unternehmen regelmäßig. Die vielen gegensätzlichen Meinungen, Vorwürfe und Dementis machen es sehr schwer, ein einheitliches Bild der Firmenpolitik zu entwerfen. Konkrete Beweise zu den Behauptungen konnten allerdings bis heute von keiner Partei vorgelegt werden.

Die deutschen Behörden jedenfalls scheinen die Sorgen der US-Regierung nicht zu teilen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) lobte die zuverlässige Zusammenarbeit mit Kaspersky Lab. Es gäbe keinen Anlass zu der Annahme, dass das Unternehmen einseitige Berichte zu Spionage- oder Schadsoftware erstellen würde. Die Bundesverwaltung nutzt allerdings keine Antivirensoftware von Kaspersky, der zuständige Dienstleister ist die CANCOM on line GmbH mit Sitz in Berlin. Die Beziehung zwischen den USA und Russland ist durch die neuen Bestimmungen gegen Kaspersky noch etwas mehr abgekühlt, daran dürften auch die gegenseitigen Respekterweisungen der beiden Staatsoberhäupter füreinander nichts ändern. Um den Sachverhalt zu klären, hat der US-Kongress nun Jewgeni Kaspersky zu einer Anhörung vorgeladen.

 

Bilder:
Logo Kaspersky Lab: Michael Movchin [CC BY-SA 3.0]
Jewgeni Kaspersky: Kaspersky Lab [CC BY 2.0]
Kaspersky Office Moskau: Mikhail Deynekin [CC BY-SA 3.0]