Big-Data – mit Facebook zum Wahlsieg?

Am Wochenende rollte eine Welle von Leseempfehlungen durch die sozialen Netzwerke – in einer Geschwindigkeit, die so manchen Shitstorm neidisch machen könnte. Angepriesen wurde ein Stück, das sich mit einer neuen Art von Wahlwerbung beschäftigt und ein bedrohliches Szenario heraufbeschwört: Anhand nur weniger Facebook-Likes könne ein Unternehmen eine Person besser einschätzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. Mit 300 Likes wisse man mehr als der Lebenspartner. Mit solch einer Verknüpfung von Informationen habe nun ein spezialisiertes Unternehmen womöglich Donald Trump zum Wahlsieg verholfen.

Nachdem der Artikel in den Kreisen der Medienmacher seine Runde gezogen hatte, erreichte er auch Menschen außerhalb dieser Filterblase und generierte auf Facebook 150.000 Interaktionen innerhalb von drei Tagen. Nicht zuletzt, weil er eine Erklärung für den vielfach noch unwirklich anmutenden Wahlsieg Trumps anbietet.

Mittlerweile ordnen viele Medien wie zum Beispiel der WDR.Blog den Artikel deutlich distanzierter ein – die anfängliche Euphorie scheint verpufft. Zentrales Argument der Kritik: Belegbare Erfolge der Firma namens „Cambridge Analytica“ existieren quasi nicht.

Die Autoren Mikael Krogerus und Hannes Grassegger präsentieren dagegen vor allem aber genau diese Erfolgsgeschichte.

Sie lassen den Psychologen Michal Kosinski zu Wort kommen, der die Modelle entwickelte, mit denen „Cambridge Analytica“ den Wahlkampf in den Vereinigten Staaten beeinflusst haben soll. Kosinski war aber nie Angestellter dieser Firma und kann daher nur wenig erhellendes zum konkreten Fall beitragen. Er ist jedoch der Erfinder dessen, was er selbstbewusst als „die Bombe“ bezeichnet.

Zudem geben die Autoren eine Pressemitteilung sowie ein YouTube Video, in dem die Firma ihre Erfolge zelebriert, nahezu unkommentiert wieder. Kritische Nachfragen vermisst man hier völlig. Und das, obwohl die Chance dazu offensichtlich da war. Stattdessen durfte der CEO von „Cambridge Analytica“, Alexander James Ashburner Nix, auch im persönlichen Gespräch mit den Autoren erläutern, dass Dörfer, Häuserblocks oder gar Einzelpersonen mittels der neuen Technik gezielt angesprochen werden können.

Einen differenzierteren Blick auf die Versprechen der selbsternannten Big-Data Gurus bietet der Ursprungsartikel nicht. Die Reaktionen auf ihn zeigen aber eines sehr deutlich: Viele Personen sind bereit, den Ausführungen von „Cambridge Analytica“ zunächst zu glauben. Vielleicht ist das auch ein Zeichen, dass immer mehr Nutzer von Facebook verstehen, in welchem Ausmaß ihre Daten genutzt werden könnten. Ob dem so ist, muss noch bewiesen werden. Die Aufregung mag aber nicht nutzlos gewesen sein – eventuell hilft sie den Menschen, sich bewusster in sozialen Netzwerken zu bewegen.