Rückblick: Tatort Text – dem Verbrechen auf der Spur

Der persönliche Schreibstil verrät mehr über eine Person, als den meisten Menschen bewusst ist. Genau da setzt der Sprachprofiler an. Mittels genauer Analysen von anonymen Drohbriefen, Erpresserschreiben oder Schmähschriften erstellen die Sprachexperten ein Profil des Täters und kommen dem Verbrechen so auf die Spur. Am 21. September 2021 gaben Leo Martin und Patrick Rottler im Deutschen Spionagemuseum einen unterhaltsamen Einblick in die Arbeitswelt eines Sprachprofilers.

Geschäftsfeld anonyme Schreiben

Leo Martin und Patrick Rottler arbeiten sowohl gemeinsam im Privat-Institut für Forensische Textanalyse und sie verfassten zudem das Buch Die geheimen Muster der Sprache. Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen. In diesem verraten sie den Lesern die psychologischen Tricks und kommunikative Kniffe, die Texte treffsicherer und Worte wirksamer machen.

Unterhaltsam und stets mit dem Publikum interagierend schilderten die Experten, worauf sie bei der Analyse anonymer Schreiben achten und wie leicht sich verräterische Spuren auch in scheinbar harmlosen Textstellen finden lassen. Dabei geht es wie bei der Kryptoanalyse vor allem um die Suche nach wiederkehrenden Mustern, also signifikante Merkmale und Fehler, die in den Texten systematisch vorkommen, wie auch Eigenarten im Satzbau.

Um dabei Aussicht auf Erfolg zu haben, sei es wichtig, dass eine ausreichende Textmenge zur Analyse zur Verfügung steht. Falls sich die anonyme Nachricht lediglich auf ein Wort oder einen Satz beschränkt, sei die Chance auf aussagekräftige Erkenntnisse gleich Null. Mindestens eine Textmenge von einer halben oder dreiviertel Seite sei nötig, um erfolgversprechend arbeiten zu können, so Rottler. Ebenso wenig reiche ein einzelnes Merkmal oder Indiz aus, um ein Profil zu erstellen. Erst die Gesamtheit mehrerer Merkmale lasse tiefergreifende Schlüsse zu.

Gibt es den sprachlichen Fingerabdruck?

Einen Mythos der Sprachwissenschaft mussten die Martin und Rottler jedoch relativieren: der Vergleich vom klassischen Fingerabdruck, einem der ältesten Fahndungsinstrumente überhaupt, und dem persönlichen Schreibstil als sprachlicher Fingerabdruck hinkt. Ein menschlicher Fingerabdruck zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er einmalig und unveränderlich ist.

Das persönliche Schriftprofil dagegen, die Sprache einer Person, wandelt sich mit fortschreitendem Alter. Zudem passe man sich im Sprachstil stets dem jeweiligen Kommunikationspartner an, rede also mit seinem Chef anders als mit alten Freunden. Die Experten sprechen daher vielmehr von einem sprachlichen Individualstil, als einem sprachlichen Fingerabdruck.

Detailarbeit Sprachprofiling

Das Profiling zielt darauf ab, ein Autorenprofil zu einem anonymen Text zu erstellen. Dadurch sollen sich Rückschlüsse auf Alter, Geschlecht, Bildung, regionale Herkunft oder Muttersprache des Verfassers ergeben. Vor allem regionale Begriffe fallen den Nutzern selbst kaum auf, lassen aber viele Rückschlüsse zu. Es ist die Alltagssprache, die uns verrät: Nennen  wir es Semmel, Schrippe, Brötchen oder Rundstück? Sagen wir „viertel nach 10“ oder „viertel 10“? Wer sich ein Bild von den schier unzähligen regionalen Sonderbegriffen machen will, dem bietet der Atlas zur deutschen Alltagssprache reichlich Informationen.

Sprachpsychologisch wird bei Profiling zudem versucht, eine Typenbestimmung des Autors durchzuführen. Handelt es sich um einen dominanten Macher, einen energischen Kontakter oder einen vorsichtigen Analytiker? Der Persönlichkeitstyp schlägt sich oft deutlich im Schrifttyp nieder. Beim Profiling entsteht so nicht etwa ein gestochen scharfes Bild des anonymen Autors im Sinne eines Phantombilds, sondern eher eine Art Umrisszeichnung, eine begründete Hypothese, auf deren Basis sich der Täterkreis idealerweise konkretisieren lässt.

 Mythos Klebebrief zerstört

Zum Abschluss des Abends zerstörten Leo Martin und Patrick Rottler noch einen Mythos aus der Welt der Erpresserschreiben. Der klassische Klebebrief, bei dem die Nachricht aus ausgeschnittenen Zeitungsuchstaben zusammengesetzt wurde, kommt nur sehr selten vor. Dies sei vor allem eine Erfindung des Fernsehens. So werde dem Zuschauer sofort klar gemacht: Dieses ist ein anonymes Erpresserschreiben!

Um viele Erkenntnisse reicher entließen die Sprachprofiler ihr Publikum anschließend, nicht ohne sich zuvor noch zahlreichen Nachfragen und Signierwünschen in dem neu erworbenen Fachbuch zum Sprachprofiling zu stellen.


In der nächsten Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum am 12. Oktober 2021 gibt der ehemalige BND-Präsident Gerhard Schindler Einblicke in das Innenleben des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND.