Rückblick: Wenn Worte töten

Wenn Worte zu Waffen und Texte zu Tatorten werden, startet der Einsatz von Ex-Agent Leo Martin und Sprachprofiler Patrick Rottler. Im Deutschen Spionagemuseum gaben sie Einblicke, wie sie Tätern von anonymer Hetze und Bedrohungen im Internet auf die Spur kommen.

Gibt es einen sprachlichen Fingerbadruck?

Seit einigen Jahren sind die Sprachprofiler mit Ihrem Privat-Institut für forensische Textanalyse bereits „Sprachtätern“ auf der Spur. Gleich zu Beginn der Veranstaltung am 13. Februar 2024 zeigten Leo Martin und Patrick Rottler dem Publikum, das jeder Mensch ganz eigene, unbewusste Sprachmuster aufweist. Diese lassen sich oft auf die regionale Herkunft zurückführen. Unter aktiver Einbeziehung des Publikums stellte sich rasch heraus, in welchen Teilen Deutschlands man zum Beispiel „Er ist größer als ich“ oder „Er ist größer wie ich“ sagt.

Patrick Rottler und Leo Martin (v.l.n.r.) im Deutschen Spionagemuseum

Dieses regional geprägte Sprachprofil werde durch die Persönlichkeit des Schreibers ergänzt. Das passiere vor allem, wenn man aus einem Impuls wie Wut heraus schreibe. So entstehe unbewusst ein individueller Fingerabdruck beim Schreiben von Drohbriefen oder Erpressungsschreiben. Im Gegensatz zu einem klassischen Fingerabdruck allerdings könne man damit Täter nicht 100%ig einwandfrei identifizieren, auch wenn er in der Lage sei, wichtige Hinweise zu liefern.

Während der Fingerbadruck tatsächlich einzigartig und unabänderlich ist, treffe dies für einen sprachlichen Fingerabdruck nicht zu. Dieser lasse sich verfälschen, er ändere sich je nach Kommunikationspartner (man spricht mit dem Chef anders als mit einem Freund) und er verändere sich zudem im Laufe des Lebens eines Menschen. Daher würden Experten den Ausdruck „Sprachlicher Fingerabdruck“ nicht verwenden.

Das richtige Verhalten als Stalking-Opfer

Am Beispiel eines Stalking-Opfers analysierten die Sprachprofiler gemeinsam mit dem Publikum Texte nach typischen Textstilen und Sprachmustern. Dazu gehören zum Beispiel ein auffälliger Satzbau oder eine ungewöhnliche Satzzeichensetzung sowie wiederkehrende Rechtschreibfehler.

Das Buch der beiden Sprachprofiler gibt es auch im Museums-Shop zu kaufen

Die beiden Experten gaben auch Tipps zum Verhalten von Stalking-Opfern. Die wichtigste Faustregel lautet: Keine Reaktion! Man dürfe dem Stalker keinerlei Einblicke in die eigene Gefühls- und Gedankenwelt geben, diese könne sich der Stalker zunutze machen. Höchstens ein klares „Stop!“ als Reaktion wäre möglich, danach solle man alle Nachrichten komplett ignorieren.

Das bedeute aber nicht, dass man derartige Mails sofort löschen sollte. Immerhin könnten diese Sprachprofilern später wertvolle Hinweise liefern.

Hate Speech mit schwerwiegenden Folgen

Anhand von Beispielen wie dem Fall um die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr gaben Leo Martin und Patrick Rottler zudem Einblicke in Fälle, bei denen es ihnen gelungen war, Hate-Speech-Wiederholungstäter zu entlarven. Die Ärztin war aufgrund ihrer Befürwortung von Impfungen gegen das Corona-Virus durch aggressive Bedrohungen und Hassnachrichten zuerst in den finanziellen Ruin und schließlich in den Selbstmord getrieben worden.

Auch wenn der Täter bis heute nicht ermittelbar ist, so deckten die Ermittler doch auf, dass Kellermayr nicht dessen einziges Opfer war. Ein Anwalt aus Würzburg erhielt Drohungen, bei denen sich auffallend viele sprachliche Überschneidungen zu dem Fall Kellermayr ergaben. Vielleicht stellt sich diese Entdeckung eines Tages als entscheidendes Puzzleteil bei der Enttarnung des Täters heraus.

Da die Sprachprofiler regelmäßig Einblicke in ihre Arbeit im Deutschen Spionagemuseum geben, darf man beim nächsten Mal auf neue Entwicklungen in diesem und weiteren Fällen gespannt sein.


Autor: Florian Schimikowski

Veröffentlicht am: 21.03.2024