Rätselhaftes Havanna-Syndrom tritt in Berlin auf

In den vergangenen Monaten sind bei mehreren Mitarbeitern von US-Botschaften in europäischen Ländern Symptome des sogenannten Havanna-Syndroms festgestellt worden. Auch in Berlin sollen sich Mitarbeiter in ärztlicher Behandlung befinden, nachdem sie über Übelkeit, Schwindel, Kopf- und Ohrenschmerzen sowie Müdigkeit geklagt hatten. Die Ursache der Beschwerden ist unklar, Geheimdienstkreise gehen von gezielten Angriffen mit einer neuartigen Waffentechnik aus.

Phänomen wurde erstmals in Havanna beobachtet

Schon 2016 hatten die USA Botschaftsmitarbeiter aus Kuba zurückgeholt, die über Unwohlsein, Schwindel sowie Hör- und Sehprobleme klagten. US-Geheimdiensten gelang es nicht, den Ursprung der Beschwerden zu ergründen. Damals kamen erste Spekulationen auf, dass es sich um einen gezielten Angriff mit einer unbekannten Art Schall- oder Strahlenwaffe handeln könnte.

Das Hotel Nacional in Havanna war einer der Orte, an dem das Phänomen erstmals auftrat

In den folgenden Jahren traten die gleichen Symptome bei US-Diplomaten in China, Russland, den USA und nun auch in Europa auf. Die Berichte dazu sind immer ähnlich: Die betroffenen Personen nahmen plötzlich ein starkes Geräusch und Druckgefühl im Kopf wahr, woraufhin sich die geschilderten Symptome einstellten. Dabei sei das Geräusch aus einer bestimmten Richtung gekommen und an einem bestimmten Ort aufgetreten.

Verdacht fällt auf Schall- oder Strahlenwaffen

Mittlerweile zweifeln viele Experten den anfänglichen Verdacht eines Angriffs mit Schallwaffen an. Bekannte derartige Waffen werden als Long Range Acoustic Device (LRAD) bezeichnet. Sie kommen in der USA bei Polizei und Militär zum Einsatz, unter anderem bei der Auflösung von Demonstrationen oder um Feinde kampfunfähig zu machen. Dabei bündeln große Lautsprecher den Schall und strahlen ihn mit 150 Dezibel gezielt über große Distanzen ab.

Die Laustärke der ausgesandten Signale gleicht denen eines Schmiedehammers oder Geschützknalls, wird als stark schmerzhaft empfunden und kann zu dauerhaften Hörschäden führen. Allerdings sind diese Schallwaffen eindeutig im Umfeld zu hören. Dies deckt sich nicht mit den Berichten über die betroffenen US-Diplomaten.

LRAD im Einsatz auf dem US-Patrouillenschiff USS Typhoon

Als wahrscheinlicher gilt daher, dass die Angriffe mit Strahlenwaffen ausgeführt wurden. Militärs forschen und testen schon seit Jahren an derartigen Waffensystemen mit elektromagnetischer Strahlung in Form hochfrequenter Mikrowellen. Das US-Militär nutzt seit einigen Jahren eine Mikrowellenkanone mit dem Namen Active Denial System (ADS) welche dafür sorgt, dass die Haut der beschossenen Personen sich auf 55°C aufheizt und stark schmerzt. 

Ein US-Unternehmen entwickelte vor einigen Jahren zudem den Prototyp einer Mikrowellenwaffe mit dem Decknamen Medusa. Diese soll ähnliche Reaktionen ausgelöst haben, wie sie nun bei dem Botschaftspersonal zu beobachten sind. Allerdings funktionierte sie nur über kurze Distanzen. Zur Marktreife hat es noch kein bekanntes System geschafft.

Experten gehen aber davon aus, dass in vielen Ländern eifrig an der Technologie geforscht wird. Die aktuellen Ereignisse erwecken den Anschein, dass es mittlerweile möglich ist, eine solche Waffe portabel und zielgerichtet einsezutzen. Recherchen des Spiegel und der schwedischen Plattform Bellingcat zufolge soll Russland an einer Methode arbeiten, über Mobiltelefone gefährliche Wellen an eine Zielperson zu senden.

Stammen die Angriffe von russischen Geheimdiensten?

Offiziell gibt es keinerlei Anschuldigungen seitens der US-Regierung, wer für die Vorfällen verantwortlich ist. Aus US-Regierungs- und Geheimdienstkreisen wurde wiederholt der Verdacht geäußert, dass russische Geheimdienste hinter den Aktionen stecken könnten. Konkrete Beweise dafür fehlen allerdings. Die Vermutungen stützen sich unter anderem darauf, dass es sich bei einigen der betroffenen Personen um US-Geheimdienstler handelte, welche sich mit Russland-spezifischen Themengebieten befasst hätten.

Historisch gesehen ist es zudem nicht das erste Mal, dass Russland US-Diplomaten mit Mikrowellentechnologie bestrahlt. In den 1950er bis 1970er-Jahren wurde die US-Botschaft in Moskau wiederholt das Ziel niederfrequenter Mikrowellenstrahlen. Das Phänomen wurde als Moscow Signal bekannt. Gesundheitliche Auswirkungen hatten die Aktionen nicht. Man geht heute davon aus, dass es sich um eine Art technischer Spionage handelte.

US-Botschaft in Berlin [Jörg Zägel, CC BY-SA 3.0]

Russland steht zwar an erster Stelle, aber nicht allein auf der Verdächtigen-Liste. US-Militärspezialisten nehmen an, dass auch China an derartigen Systemen arbeiten könnte. Bisher bleiben aber alle Annahmen rein spekulativ. Laut US-Geheimdienstkoordinatorin Avril Haines sind sich die Behörden nach wie vor unsicher, was die „anormalen Gesundheitsvorfälle“ auslöse. Mit dem Auftreten des Havanna-Syndroms in Berlin und Wien hat die Angelegenheit neue Brisanz erhalten.