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Ein Pilot läuft über – Am 6. September 1976 lüftete sich das Geheimnis um das sowjetische Spezialflugzeug MiG-25

Militärgeheimnisse gehörten für Nachrichtendienste schon immer zu den gleichsam gehütetsten wie begehrtesten Informationen. Der strategische Vorteil einer neuartigen Waffentechnologie konnte im Krieg über Sieg oder Niederlage entscheiden und auch im Frieden politische Dominanz sichern. Einen der historisch bedeutsamsten Erfolge im Bereich der Militärspionage gelang der Sowjetunion durch die Ausspähung der Geheimnisse um die amerikanische Atombombe. Während für eine derartige Spionageoperation eine ganze Reihe an Agentennetzwerken benötigt wurde, fielen andere Militärgeheimnisse fast von selbst in die Hände des Gegners. Im September 1976 erhalten die Amerikaner unverhofft Einblicke in streng gehütete sowjetische Militärtechnik: die bis dahin kaum bekannte MiG-25.

Anti-Spionageflugzeug wird ausspioniert

Die Planungen zur Konstruktion zur MiG-25 begannen in den frühen 1960er-Jahren und wurden vom sowjetischen Rüstungsunternehmen Mikojan-Gurewitsch durchgeführt – daher auch das Kürzel MiG. Das Ziel bestand darin, ein Flugzeug zu entwickeln, das in der Lage war das amerikanische Spionageflugzeug Lockheed A-12 abzufangen. Das besondere an der MiG-25 war die Konstruktion: Es bestand größtenteils aus geschweißtem, rostfreiem Nickelstahl, die Verkleidung des leistungsstarken Radars aus hitzebeständigem Kunststoff. Um die MiG-25 für Luftkämpfe zu wappnen, entwickelten die sowjetischen Ingenieure zudem ein spezielles Raketensystem. Es gab zwei Ausführungen der Maschine: eine als Jagdflugzeug (MiG-25P) und eine zur Aufklärung (MiG-25R). Bezüglich der erreichten Geschwindigkeiten und der erreichten Höhen gehörte die MiG-25 lange zu den besten Militärflugzeugen der Welt.

MiG-25 [Leonid Faerberg (transport-photo.com) GFDL 1.2]

Die als Militärgeheimnis geführte Maschine erhielt internationale Aufmerksamkeit, als der sowjetische Pilot Wiktor Belenko am 6. September 1976 mitsamt einer MiG-25P die Seiten wechselte. Er landete im japanischen Hakodate und machte das Flugzeug mitsamt Waffen und Flughandbuch den westlichen Militärs zugänglich. Trotz anfänglicher Bekundung der sowjetischen Regierung, die Landung sei als Notlandung unabsichtlich erfolgt, stellte Belenko öffentlich klar, dass er freiwillig und gezielt gehandelt habe. Er lebt und arbeitet seitdem in den USA, 1980 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. In seiner Heimat gilt er bis heute als Staatsverräter.

Militäraussweis Belenkos [CIA]

Den USA war die MiG-25 zuvor lediglich aus einigen Aufklärungsbildern bekannt und die wenigen Erkenntnisse sorgten für Unruhe. Die Konstruktion mit auffallend großen Flügeln wurde dahingehend interpretiert, dass es sich um einen extrem manövrierfähigen Kampfflieger handeln musste. Die US Air Force nahm das Flugzeug von Belenko daher komplett auseinander und untersuchten jedes Detail, bevor die Einzelteile zurück in die UdSSR geschickt wurden. Bei der Analyse stellt sich unter anderem heraus, dass die Größe der Flügel eher durch das hohe Gewicht der Maschine bedingt waren und nur wenig strategischen Vorteil boten.

Der Osten schläft nicht: Spionageobjekt Tornado

Auch die Geheimdienste des Warschauer Paktes hatten ihre Mittel, militärische Flugzeugprojekte des Westens auszuspionieren. Das gelang unter anderem durch die Einschleusung von Agenten in bedeutenden Rüstungsunternehmen. Bei einem der international bedeutendensten Konzerne dieser Branche, Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), gelang es der Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR mit dem Ingenieur Dieter Feuerstein, Deckname „Petermann“,  eine wertvolle Quelle zu platzieren.

Dieter Feuerstein im Zeitzeugeninterview [Deutsches Spionagemuseum]

Nach seinem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik begann Feuerstein sich in den 1980er-Jahren bei MBB hochzuarbeiten. Im Zeitzeugeninterview für das Deutschen Spionagemuseum berichtet er neben vielen weiteren Details zu seiner Spionagetätigkeit davon, dass ihm dabei auch der Zufall zu Hilfe kam: Da er bereits während eines Praktikums eine Sicherheitsprüfung durchlaufen hatte, gelangt er früh an Positionen, die normalerweise langjährigen internen Mitarbeitern vorbehalten waren. Durchaus gezielt hatte er auch ein Thema für seine Diplomarbeit gewählt, die ihn als idealen Aspiranten erscheinen ließ. Der Plan ging auf: Feuerstein war schließlich für den Geheimnisschutz des Unternehmens zuständig und erhielt so Zugang zu hochsensiblen Unterlagen, die er jahrelang an die HV A weiterleitete. Dazu gehörten unter anderem Details zu NATO- Rüstungsprojekten wie den Kampfflugzeugen Tornado und Eurofighter. Erst nach der Wende wurde er als Spion enttarnt und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

Militärspionage – ein mühseliges Geschäft

Es ist schwer, heute zu beurteilen, wie stark sich die Taten von Akteuren wie Belenko oder Feuerstein auf strategische Planungen im Kalten Krieg ausgewirkt haben. Sicherlich gehörten beide zu den militärisch relevanteren Informationszuträgern, die zusammenhängende Einblicke in bestimmte Detailkomplexe liefern konnten, während sich die sonstige militärische Aufklärung oft aus sehr vielen kleinen Informationsbrocken zusammensetzt. Dabei werden über Jahre hinweg auch auf den ersten Blick irrelevante Details wie kleinteilige Fahrzeugbewegungen oder logistische Elemente wie Nahrungsbestellungen der Truppen minutiös protokolliert und lassen so (hoffentlich) letztendlich Einblicke in den Zustand des ausgespähten Militärs oder Entwicklungen wie Aufrüstungen und ähnliches erkennen.

Auch wenn heute viele dieser Informationen vor allem durch technische Spionage, SIGINT, gewonnen werden, können auch Überläufer wie Belenko oder Agenten wie Feuerstein immer noch von elementarer Bedeutung für die Arbeit von Geheimdiensten sein.  Wie schon Napoleon I. Bonaparte angeblich sagte: „Ein Spion am rechten Ort ist mehr wert als 20.000 Mann an der Front“.