Das Schicksal eines Überläufers: Vor elf Jahren starb Alexander Litwinenko durch ein Giftattentat

Am 1. November 2006 traf sich der Ex-KGB-Agent Alexander Litwinenko mit zwei russischen Geschäftsmännern – die ebenfalls eine KGB-Vergangenheit vorzuweisen hatten – zum Essen im Londoner Millennium Hotel. Er schien Andrei Lugowoi und Dmitri Kowtun zu vertrauen und trank bedenkenlos von dem grünen Tee, der ihm angeboten wurde. In der Nacht begann Litwinenko zu Erbrechen, litt an starken Bauchschmerzen und Atemnot. Sein Zustand verschlechterte sich in den nächsten Wochen, selbst die Ärzte im Krankenhaus konnten ihm nicht helfen. Das lag auch daran, dass die Ursache für seinen Zustand erst kurz vor seinem Tod entdeckt wurde: Im Urin fand man den radioaktiven Stoff Polonium 210. Am 23. November 2006 starb Alexander Litwinenko an der Vergiftung, die ihm – wie sich später herausstellte – mit dem grünen Tee verabreicht wurde. Bis heute ließen sich die Hintergründe der Tat nicht endgültig aufklären.

Wie kam es zu dem Attentat? Alexander Litwinenko arbeitete seit den 1980er-Jahren für den KGB und anschließend auch für dessen Nachfolger, den russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Er war an verschiedenen Kampfeinsätzen beteiligt, seine Arbeitsschwerpunkte lagen zuerst bei der Spionageabwehr, später bei der Terrorismusbekämpfung. 1998 trat er an die Öffentlichkeit und prangerte seinen Arbeitgeber wegen Anstiftung zum Mord an. Auslöser war ein Befehl, den russischen Oligarchen und Putin-Kritiker Boris Beresowski zu ermorden, der sich im politischen Asyl in London befand. (Tatsächlich gab es in den 1980er-Jahren mehrere Versuche, Beresowski zu töten. Bis heute konnte nicht geklärt werden, ob dessen Tod im Jahr 2013 durch Suizid oder durch ein Tötungsdelikt eintrat.) In der Folge der öffentlichen Äußerungen Litwinenkos kam es zu mehreren Gerichtsverfahren gegen ihn, laut dessen Aussage unter falschen Anschuldigungen. Als der FSB zudem Litwinenko und seine Familie bedrohte, beantragte und erhielt er im Jahr 2000 politisches Asyl in Großbritannien.

Dort arbeitete er mit dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 zusammen und ging zudem in verschiedenen Publikationen mit weiteren Vorwürfen gegen den FSB an die Öffentlichkeit. Unter anderem beschuldigte er den FSB, Sprengstoffanschläge auf russische Zivilisten verübt zu haben. Diese wurden anschließend tschetschenischen Terroristen angelastet und dienten als Vorwand für den Zweiten Tschetschenienkrieg, der 1999–2009 bis zu 80.000 Menschen das Leben kostete. In dieser Öffentlichkeitsarbeit, die noch zahlreiche weitere Vorwürfe umfasste, ist der Hauptgrund zu sehen, dass man beschloss, Litwinenko für immer zum Schweigen zu bringen.

Nachdem Litwinenko im Krankenhaus die beiden russischen Geschäftsmänner schwer belastet hatte, fanden sich an verschiedenen Orten, unter anderem den Hotelzimmern und Flugzeugsitzen, die von den Männern genutzt wurden, Spuren radioaktiven Materials. Die Ermittlungen zogen sich durch die mangelhafte Kooperation der russischen Behörden sehr in die Länge. Ein Abschlussbericht kam 2016 zu dem Schluss, dass der FSB als Drahtzieher des Anschlags anzusehen sei und Präsident Putin – der diesen Geheimdienst 1998–1999 als Direktor leitete – die Aktion zumindest billigte. Putin selbst weist alle Anschuldigungen von sich. Ein Auslieferungsgesuch der britischen Regierung gegen Andrei Lugowoi wurde von den russischen Behörden abgelehnt. Lugowois Karriere haben die Vorwürfe nicht geschadet: Er sitzt als Abgeordneter im russischen Parlament und erhielt von Putin 2015 einen Orden für die Verdienste am Vaterland. Eine endgültige Aufklärung des Falls scheint nach wie vor in weiter Ferne zu liegen.

Geheimdienste nutzen Gift nicht nur zum Töten, die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Neben der tödlichen Wirkung dienen sie auch als Wahrheitsserum bei Verhören oder zur Betäubung bei Entführungen. Dem umfangreichen Thema ist im Deutschen Spionagemuseum ein eigener Bereich gewidmet, der sich speziell mit dem Einsatz von Giften durch Geheimdienste befasst. Zusätzlich zur Geschichte um Alexander Litwinenko lernen die Besucher hier weitere spektakuläre Einsätze von Gift und diverse Giftwaffen kennen. Das Highlight bildet ein Nachbau des „bulgarischen Regenschirms“, mit dem der Schriftsteller Georgie Markow 1978 ermordet wurde. Übrigens fand auch dieses Attentat in London statt – die Stadt scheint nicht der sicherste Zufluchtsort zu sein, um sich vor Geheimdiensten zu verstecken.

Mit dem Schwerpunkt „Gift und Geheimdienste“ befasst sich auch eine Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum am 12. Dezember 2017. Die Experten Walter Katzung und Heinrich Wille geben Einblicke in die geheimnisvolle und komplizierte Welt der ungewöhnlichen Vergiftungen. Der Eintritt ist wie immer frei.

 
Bilder:
Flagge und Wappen des FSB
Abteilung „Geheimwaffe Gift“ im Deutschen Spionagemuseum