Propaganda und Desinformation von Geheimdiensten. Interview mit dem BND-Chefhistoriker zum Doppelagenten Heinz Felfe

Im September 2019 schrieb die russische Regierung – mal wieder – einen ehemaligen Mitarbeiter des Kreml zur internationalen Fahndung aus. Oleg Smolenski verschwand im Sommer dieses Jahres spurlos während eines Familienurlaubs in Montenegro. Die renommierte New York Times vermeldete kurz danach die Story eines CIA-Spions in Russlands Machtzentrale, der jahrelang brisante Informationen geliefert hatte. Darunter auch Angaben zu russischen Cyberangriffe in den USA wie den Hack gegen die Wahlkampfzentrale der Demokraten während des Präsidentschaftswahlkampf 2016.

Sofort überschlugen sich die Ereignisse. Amerikanischen Medien zufolge handelte es sich bei Oleg Smolenski um einen Top-Spion im Herzen der russischen Regierung. Russland hingegen stritt alles ab. Erst, dass es überhaupt einen Spion gab. Dann, dass Oleg Somelnski in wichtiger Funktion tätig war. Einen amerikanischen Top-Spion im Kreml, so will man es in Russland verstanden wissen, hat es nie gegeben.

Propagandaschlachten im Kalten Krieg

Öffentliche Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit über Spionagefälle haben eine lange Tradition. Sind Spione einmal öffentlich enttarnt, entbrennt ein wahres Wettrennen darum, den Schaden beziehungsweise den Nutzen einer Quelle herauf- oder herunterzuspielen. Im Kalten Krieg kam es so immer wieder zu geheimen Propagandaschlachten zwischen Ost und West. In Deutschland war es zum Beispiel der Fall des KGB-Maulwurfs im BND Heinz Felfe, der sich in den 1960er-Jahren zu einem riesigen Geheimdienstskandal auswuchs. Der BND-Chef-Historiker Dr. Bodo V. Hechelhammer hat im September 2019 die erste Felfe-Biographie vorgelegt und im Deutschen Spionagemuseum präsentiert.

Beeindruckend dabei: Hinter den Kulissen versuchten sowohl BND als auch KGB und das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit ihre Version des Falls Heinz Felfe in die Öffentlichkeit zu bringen. Journalisten bekamen geheime Informationen, Memoiren wurden für horrende Summen in Auftrag gegeben und standen sogar auf der geheimdienstlichen Beschaffungsliste der Gegenseite. Der Fall Felfe war also nicht nur auf operativer Ebene ein Skandal erster Güte. Jedes Wort, dass zu Felfe gedruckt und gesendet wurde, interessierte BND, KGB und MfS brennend.  Und selbst Hechelhammers Biografie aus dem Jahr 2019, so merkt der BND-Historiker in seiner Danksagung geheimnisvoll an, sollte von unbekannter Seite „beeinflusst“, „unter Druck gesetzt“ und „ein Erscheinen im Piper-Verlag verhindert werden“.

Wir sprachen mit dem BND-Chefhistoriker über den Fall Felfe und die geheimdienstliche Schlacht um die öffentliche Deutungshoheit.

DSM: Herr Dr. Hechelhammer, was hätten Sie als BND-Mitarbeiter zu einem Kollegen wie Felfe gesagt?

Bodo V. Hechelhammer: Vor allem hätte ich ihn gefragt, was ihm Begriffe wie Loyalität und Verrat bedeuten. Für welchen Geheimdienst arbeitete Felfe – in seinem Kopf und nach seinem Gefühl – wirklich? Mein Buch ist eine Spurensuche nach der Antwort auf diese Frage.

DSM: Lange galt die Annahme, Felfe sei vom KGB mit seiner NS-Vergangenheit zu einer Mitarbeit gepresst worden – wahr oder falsch?

Bodo V. Hechelhammer: Der sowjetische Geheimdienst hat gegenüber Heinz Felfe seine NS-Vergangenheit nicht als Kompromat [KGB-Jargon für kompromittierendes Material, Anm. DSM] benutzt, ihn also nicht erpresst. Er selbst suchte den Kontakt.

DSM: Was war denn nun der wahre Grund für Felfe, die Seiten zu wechseln?

Bodo V. Hechelhammer: Es gab nicht DEN einen Grund, sondern ein Bündel: finanzielle Gründe, berufliche Perspektivlosigkeit, Enttäuschung, dass keine deutsche Sicherheitsbehörde auf sein Angebot eines „Doppelspiels“ mit dem KGB einging, fatale Selbstüberschätzung, Angst, dass am Ende des Kalten Krieges Moskau siegen würde. Der frühere Nazi Heinz Felfe wollte nie wieder auf der Verliererseite stehen.

DSM: Wie konnte Felfe so lange unentdeckt bleiben?

Bodo V. Hechelhammer: Auffälligkeiten gab es vom ersten Tag an, schon als Felfe in der „Filiale“ in Karlsruhe anfing. Verdachtsmomente blieben aber ohne Beweis, verliefen ins Leere, wurden nicht konsequent verfolgt, durch KGB-Gegenaktionen zerstreut oder gingen merkwürdigerweise „verloren“. Im Grunde ist der Fall Felfe ein Nährboden für Verschwörungstheorie: Gab es noch weitere, unentdeckte Maulwürfe? Auch dieser Frage gehe ich in der Biografie nach.

DSM: Warum wurde der Fall Felfe 1961 zum größten Geheimdienstskandal der jungen Bundesrepublik?

Bodo V. Hechelhammer: Es waren ja gleich drei Maulwürfe, die zehn(!) Jahre für den KGB im BND gearbeitet hatten. Dazu leitete Felfe die Gegenspionage Sowjetunion, schlimmer konnte es also kaum kommen. Kam es aber dann doch, als öffentlich wurde, dass alle drei Maulwürfe SS-Offiziere und SD-Mitarbeiter waren. Das wurde zu einem politischen Skandal als es auf einmal um Karrieren von Ex-Nazis in bundesdeutschen Behörden ging!

DSM: Welches Bild wollte der BND vom Fall Felfe in der Öffentlichkeit kommunizieren?

Bodo V. Hechelhammer: Der Fall Felfe sollte medial wenigstens als eigener Aufklärungserfolg verkauft und der Schaden heruntergespielt werden. Gleichzeitig wollte man Felfes Charakter möglichst negativ darstellen und seinen Verrat mit „niederen Motiven“ erklären.

DSM: War die geheime Öffentlichkeitsarbeit im Fall Felfe typisch für den BND?

Bodo V. Hechelhammer: Der Begriff geheime Öffentlichkeitsarbeit geht in eine falsche Richtung. Es war ein Anti-Felfe-Buch als Reaktion auf die von Moskau geplanten Memoiren Felfes angedacht. Wahrheit und Fakten spielten eine untergeordnete Rolle. Die propagandistische Wirkung zählte. Dabei ging es, vereinfacht gesagt, darum, die Überlegenheit des BND und die Unfähigkeit des KGB und MfS zu zeigen.

DSM: Wie erfolgreich war der BND damit? Ihr Buch liest sich nicht so, als wäre dem BND im Fall Felfe irgendwas geglückt…

Bodo V. Hechelhammer: Der BND unter Präsident Gehlen versuchte den Fall Felfe nachträglich als Erfolg zu verkaufen. Politisch, wie publizistisch, z.B. in einem Interview mit Marion Gräfin Dönhoff [Chefredakteurin und Mitherausgeberin der Wochenzeitung Die Zeit, Anmerk. DSM]. Sogar ein eigenes „Anti-Felfe-Buch“ wurde 1968 in Auftrag gegeben. Dessen Veröffentlichung untersagte jedoch das Bundeskanzleramt. Noch während Felfes Haft wurde also in Ost und West um die Deutungshoheit über den Fall gerungen und Biografien als geheimdienstliche Maßnahmen genutzt.

DSM: Ähnelten sich die PR-Initiativen von BND, MfS und KGB im Fall Felfe? Waren es „aktive Maßnahmen“, also Desinformation und/oder Manipulation?

Bodo V. Hechelhammer: Nein. Die PR des BND war kein „Erstschlag“, sondern eher reaktiv. Was sich ähnelte war, dass jahrzehntelang ein Buch, Felfes Memoiren, zum geheimdienstlichen Beschaffungsauftrag von BND, MfS und KGB gehörte. Erscheinen seine Erinnerungen und was steht drin? Diese Frage war für alle Beteiligten unheimlich wichtig. Die Feder ist manchmal mächtiger als das Schwert – gerade bei Geheimdiensten.


Bilder
Buchcover „Spion ohne Grenzen“: Piper Verlag
Autorenbild: Bodo V. Hechelhammer
Foto Heinz Felfe: BStU