Bienen – die neuen Superspione?

Tiere werden seit Jahrhunderten auch zur Spionage eingesetzt. Die berühmtesten Beispiele sind wohl die klassischen Spürhunde oder die vielseitigen Verwendungen der Brieftaube. Trotz des technischen Fortschritts im digitalen Zeitalter finden sich auch heute noch zahlreiche Gebiete, in denen Tiere für Geheimdienste und Militärs zum Einsatz kommen. Einer dieser tierischen Spione der Gegenwart ist die Biene, die mit ihrem ausgezeichneten Sinnesorganen in der Lage ist, selbst winzige Spuren von Gerüchen zu erfassen. Doch die Effizienz der „Spürbiene“ ist in der Fachwelt umstritten.

Die Grundlage des Einsatzes der Bienen besteht darin, dass diese Tiere auf nicht-natürliche Gerüche trainierbar sind, zum Beispiel Sprengstoff. Dadurch lassen sie sich – theoretisch – auch zur Terrorismusbekämpfung oder zur Minensuche nutzen. Dazu eignen sich vor allem die Spurbienen, deren Aufgabe es ist, Rohstoffe zu suchen und die Ergebnisse mit dem sogenannten Schwänzeltanz an die Sammlerinnen weiterzugeben. Diese Reaktion soll bei trainierten Bienen den Menschen zeigen, ob und idealerweise sogar wo der gesuchte Stoff vorhanden ist. Das Training verläuft deutlich schneller als bei Spürhunden: Die Bienen werden zeitgleich mit Zuckerlösungen und zum Beispiel dem Geruch von TNT in Kontakt gebracht. Bereits nach wenigen Stunden reagieren sie so, als ob sie Futter gefunden hätten, wenn sie nur den Geruch von TNT wahrnehmen. Außerdem ermüden die Tiere im Einsatz deutlich langsamer als Hunde.

In Modelversuchen hat der Einsatz von Bienen zur Sprengstoffsuche bereits Erfolge gezeigt. Namhafte Experten bezweifeln allerdings, dass unter realen Bedingungen frei fliegende Spürbienen wirklich funktionieren. Professor Jürgen Tautz hat sich seit Jahren intensiv mit Bienen beschäftigt. In dem Buch „Die Honigfabrik – Die Wunderwelt der Bienen“ ist es ihm gelungen, sein Wissen allgemeinverständlich und unterhaltsam aufzuarbeiten. Dort nimmt er auch Stellung zu dem vermeintlichen Nutzen von Spurbienen. Er ist überzeugt, dass Bienen, die zur gezielten Suche ausgesandt wurden, in freier Wildbahn oder in einer Stadt einer Vielzahl an Alternativgerüchen ausgesetzt sind, die oftmals eine weit größere Verlockung darstellen als der gesuchte Sprengstoff. Insbesondere natürliche Blütendüfte seien auch für speziell trainierte Bienen unwiderstehlich. Außerdem ist der genannte Schwänzeltanz laut Tautz nur bedingt zur genauen Lokalisation nutzbar.

Ein englisches Unternehmen hat vielleicht eine Möglichkeit gefunden, wie sich Bienen dennoch einsetzen lassen. Hierbei werden die Tiere so trainiert, dass sie ihre Zunge ausstrecken, sobald sie Sprengstoff riechen. Diese Reaktion lässt sich elektronisch erfassen und wird auf ein Display übertragen. Der Clou: die Tiere fliegen nicht frei umher und werden dabei von anderen Gerüchen abgelegt, sondern sitzen fest arretiert in einer Art Handstaubsauger, dem Vasor136, der die Umgebungsluft ansaugt. Mit diesem können zum Beispiel bei Kontrollen an Flughäfen Gepäckstücke olfaktorisch „durchleuchtet“ werden. Bisher existieren von dem Gerät allerdings nur Prototypen, ob das System in der Praxis funktioniert, muss sich noch zeigen.

Abgesehen vom Spionageeinsatz für den Menschen erwähnt Tautz in seinem Buch interessanterweise, dass Bienen auch in ihrem normalen Umfeld spionieren. Die Spurbienen infiltrieren dabei als Geheimagenten fremde Völker. Sie testen, wie effizient die Verteidigungsmechanismen sind, schleichen sich an den Wächtern am Eingang vorbei, inspizieren das Honiglager und schmuggeln Proben nach Hause. Verläuft die Spionage zufriedenstellend und bietet Aussicht auf leichte Beute, kommt es anschließend zum Angriff der Sammlerinnen auf das ausgekundschaftete Volk. In ihrer eigenen Welt arbeiten Bienen also bereits als Agenten auf hohem Niveau – vielleicht finden sich in Zukunft weitere Wege, diese unscheinbaren Tiere für Geheimdienste nutzbar zu machen.

 

Bilder
Buchcover: Jürgen Tautz / Diedrich Steen: „Die Honigfabrik. Die Wunderwelt der Bienen – eine Betriebsbesichtigung“, erschienen im Gütersloher Verlagshaus