Rückblick: „Die Simulation eines Nachrichtendienstes“ – BND-Präsident Reinhard Gehlen auf dem Seziertisch

Reinhard Gehlen war der Übervater des Bundesnachrichtendienstes schlechthin. Mythen, Gerüchte und (Selbst-)Glorifizierung rankten sich um ihn – nicht wenige von ihm selbst erarbeitet. Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller, Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission (UHK) des BND, die seit 2011 die Geschichte des deutschen Auslandsnachrichtendienstes bis 1968 erforscht, hat Reinhard Gehlen nun unter dem Mikroskop betrachtet. 2 Bände und 1400 Seiten sind das Ergebnis.

Mit größter Spannung erwartet wurde diese Gehlen-Biografie, dann platzte im letzten Dezember, just zum Datum der Auslieferung, eine kleine mediale Bombe: die Süddeutsche Zeitung kam in den Besitz zweier Kisten mit Original-Gehlen-Papieren. Schon bei der Pressekonferenz am 1. Dezember 2017 im Deutschen Spionagemuseum kochten die Emotionen hoch. Müller wähnte die Familie Gehlen hinter dem Diskreditierungsversuch. Dieser Medienrummel war dann auch die thematische Eröffnung für die gestrige Buchvorstellung der Gehlen-Biografie im Deutschen Spionagemuseum. Moderator Sven-Felix Kellerhoff fühlte den Umständen nochmals ausführlich auf den Zahn, bevor es dann um den nicht minder spannenden Inhalt der Biografie ging.

Bis in kleinste Details leuchtet Müller den Mythos Reinhard Gehlen aus. Wie konnte Gehlen überhaupt zu einem Mythos werden? Diese Frage stand (unausgesprochen) über der Betrachtung. Akribisch folgt Müller Gehlen bei all seinen Stationen, von der Schule, über die Reichswehr und Wehrmacht bis zu seiner Leitung der Heeresaufklärung „Fremde Heere Ost“ während des Zweiten Weltkrieges. Nach Müller kannte Gehlen nur ein Ziel: er wollte in den Generalstab, in die operative Leitung. Später sollte Gehlen die Arbeit von „Fremde Heere Ost“ zum Vorbild erheben, doch bei genauer Betrachtung schmolz Gehlens Erfolg als Leiter Stück für Stück dahin.

Die größte Leistung Gehlens, so Müller, sei es gewesen, die Akten von „Fremde Heere Ost“ 1945 vor der Vernichtung zu bewahren und sich den Amerikanern erfolgreich anzudienen. Seine „Organisation Gehlen“ ließ er strategisch in alle Richtungen ausbauen, unterstützt mit amerikanischem Steuergeld. Sein wahres Ziel jedoch: deutsche Innenpolitik. Über Geheimkarteien, Verbindungen ins Kanzleramt, Ränkespiel gegen seine Konkurrenten hin zu groben Auseinandersetzungen mit seinen Partnern von der CIA dekonstruiert Müller den Nimbus Reinhard Gehlens. Die „Simulation eines Nachrichtendienstes“ habe Gehlen erschaffen, um sich selbst unersetzlich zu machen und persönlichen Ambitionen nachzugehen. Dies das harte Urteil Müllers. Das Deutsche Spionagemuseum wartet mit Spannung auf die nächsten Veröffentlichungen der UHK.

 

Die nächste Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum am 15. Februar 2018 beschäftigt sich mit einer spektakulären Geschichte aus dem Kalten Krieg: Was machen vergrabene US-Spionagesonden in der DDR?