Eine Zeitenwende der Spionagegeschichte: Vor 60 Jahren startete Sputnik 1 als erster Satellit ins All

Kaum eine Episode hat den Kalten Krieg so geprägt wie der Wettlauf ins All zwischen der UdSSR und den USA. 1955 verkündeten beide Mächte den Plan, einen künstlichen Satelliten zu konstruieren. Zur Überraschung der Weltöffentlichkeit erreichten sowjetische Ingenieure am 4. Oktober 1957 mit dem Sputnik 1 dieses Ziel vor den USA und läuteten damit das Zeitalter der Raumfahrt ein. Das Ereignis befeuerte die Systemkonfrontation im Kalten Krieg und hatte weitreichende Folgen auf die Gesellschafts- und Technikgeschichte. Außerdem eröffnete die Satellitentechnik der Spionage völlig neue Möglichkeiten.

Das Sputnik-Projekt war eine streng geheime Operation der UdSSR. Die Identität des Chefkonstrukteurs der Trägerrakete R-7, Sergei Pawlowitsch Koroljow, blieb dem Westen bis zu seinem Tod 1966 ein Rätsel. Dort wurde er mit dem klangvollen Pseudonym „Mister X“ bezeichnet. Sputnik bedeutet übersetzt Weggefährte oder Trabant – ein passender Name, begleitete der Satellit doch die Erde in ihrer Umlaufbahn. Der Sputnik 1 war eine Aluminiumkugel mit einem Durchmesser von 58 cm bei einem Gewicht von 83 kg. Zusätzlich war der Sputnik mit zwei Antennenpaaren ausgestattet, die über 2 m lang waren. Er sendete kurze Signale auf 20,005 und 40,002 MHz, die auf der ganzen Welt empfangen werden konnten. Die auf Hochglanz polierte Kugel war von vielen Stellen der Erde aus zu erkennen. Ein leicht verkleinertes Modell des Sputnik 1 ist im Deutschen Spionagemuseum als Teil einer Deckeninstallation zur Luftspionage ausgestellt. Dem originalen Sputnik 1 war nur eine kurze Lebensdauer bescheiden: 92 Tage nach seinem Start verglühte er beim Eintritt in tiefere Atmosphärenschichten. Insgesamt setzten die UdSSR in den Folgejahren zehn Sputnik-Modelle ein, von denen einige auch mit Tieren wie der Hündin Laika besetzt waren.

Für die USA war die Erkenntnis erschreckend, dass sie die technischen Fähigkeiten der sowjetischen Ingenieure unterschätzt hatten. Das Ereignis ging als „Sputnikschock“ in die Geschichte ein. Die US-Militärs zeigten sich von der Sputnik-Trägerrakete massiv beunruhigt. Bis 1957 waren sie davon ausgegangen, dass im Falle eines Dritten Weltkriegs sowjetische Atomraketen die USA nicht erreichen könnten. Doch diese Weiterentwicklung der Interkontinentalrakete war nicht nur in der Lage, Satelliten ins All zu schießen – sie konnte auch Atomsprengköpfe bis in die Vereinigten Staaten tragen. Das Gefühl der unmittelbaren Bedrohung durch den Sputnikschock war einer der Auslöser für das Wettrüsten des Kalten Krieges. Auch amerikanische Schüler bekamen den Sputnikschock zu spüren: Präsident Dwight D. Eisenhower reformierte und förderte das Schulsystem des Landes, um in Zukunft den technologischen Vorsprung der USA gegenüber dem Erzrivalen UdSSR zu gewährleisten. Auch die Gründung von Forschungseinrichtungen zur Raketentechnik wie die NASA (National Aeronautics and Space Administration) und die DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) wurde maßgeblich durch den Sputnikschock beeinflusst.

Satellitentechnik eröffnete völlig neue technische Möglichkeiten für Militär und Geheimdienste. Mit „Transit“ entwickelte die US Navy bereits in den späten 1950 Jahren das erste Satellitennavigationssystem, das ab 1964 zum Einsatz kam. Transit ist einen Vorläufer des heutigen GPS-Systems. Insgesamt wurden seit 1957 über 6.600 Satelliten ins All geschossen, von denen gegenwärtig etwa 1.000 aktiv sind: Nachrichtensatelliten für Datenverbindungen, Navigationssatelliten, Wettersatelliten, Forschungssatelliten und Erdbeobachtungssatelliten. Zu letzteren gehören auch die Spionagesatelliten, zu denen es allerdings kaum detaillierte Informationen gibt, da sie in der Regel als Geheimoperationen laufen. Die USA nutzten seit 1959 im Rahmen des „Corona Programms“ Satelliten zur Aufklärung gegen die UdSSR und China. Die „Zenit“-Satelliten der UdSSR verfolgten ab 1961 das gleiche Ziel – die Spionage gegen den Erzfeind. Das Problem bei diesen frühen Satelliten bestand darin, dass die gesammelten Information nicht zur Erde gefunkt wurden, sondern die Filme in speziellen Kapseln abgeworfen und dann eingesammelt werden mussten. Die Auswertung der Daten verzögerte sich dementsprechend. Während die USA ab den 1970 Jahren dazu übergingen, die Daten durch codierte Signale zu senden, waren Zenit-Satelliten bis Anfang der 1990er Jahre im Einsatz.

Spionagesatelliten bearbeiten bis heute mehrere Aufgabenbereiche, unter anderem die Anfertigung hochauflösender Fotoaufnahmen, die Kommunikationsüberwachung sowie das Versenden geheimer Information und die Analyse von Raketenaktivitäten (zum Teil als Frühwarnsystem). 65 Jahre nach dem Start des Sputnik 1 wird auch ein deutscher Geheimdienst endlich in der Lage sein, die satellitengestützte Aufklärung selbstständig zu nutzen: 2016 wurde bekannt, dass auch der Bundesnachrichtendienst (BND) seinen eigenen Spionagesatelliten bekommt. Die Kosten des Projektes werden auf etwa 400 Mio. Euro geschätzt, ab 2022 soll das System betriebsbereit sein.

 

Bilder:
Sputnik 1: NSSDC, NASA
Zenit: Maryanna Nesina