Rückblick: Fremdgesteuerte Karotten? Orwells Visionen und die Gegenwart

Ausverkauft, Platz 1 der Amazon-Verkaufsliste. „1984“, der Bestseller des britischen Autors George Orwell alias Eric Arthur Blair aus dem Jahre 1948, erlebte 2017 ein ungeahntes Revival. „Orwellsche Zustände“, „Big Brother is watching you“, „Big Brother Award“, „Neusprech“ und „Doublethink“ – Orwells Erfindungen und Sprachbilder erfreuen sich eines inflationären Gebrauchs. In zahlreiche Kontexte wird Orwells Dystopie einer totalitären Überwachungsgesellschaft immer wieder gestellt, von Donald Trumps Präsidentschaft, übertriebener politischer Korrektheit, Hasssprache bis hin zu Überwachungstechnologien gegen Terroristen.

Doch wie aktuell ist George Orwells „1984“ eigentlich? Diese Frage war am 24. August 2017 Thema eines Podiumsgesprächs im Deutschen Spionagemuseum mit Prof. Dr. Müllenbrock der Universität Göttingen, Literaturwissenschaftler, der Orwells Bedeutung für die Gegenwart mehrfach ausführlich behandelt hat. Zum Einsatz kamen dabei nahezu alle Medien, die sich Orwells Werk bedienten, neben dem Roman selbst auch der im symbolischen Jahr 1984 produzierte gleichnamige Spielfilm mit John Hurt und Richard Burton in den Hauptrollen sowie schließlich das Computerspiel „Orwell“ der Osmotic Studios von 2016. Einen interessanten Hintergrund konnte der Orwell-Experte berichten: Orwell selbst nämlich, der erst als Polizist im kolonisierten Birma arbeitete, wurde als überzeugter Sozialist vom britischen Secret Service überwacht. Nach seinem Dienst bei der BBC während des Zweiten Weltkrieges, eine Station, die ihn nach eigenem Bekunden auch für den Einsatz von Propaganda sensibilisiert hatte, berichtete Orwell dem Nachrichtendienst des britischen Außenministeriums über einige Intellektuelle seiner Zeit und deren Einstellung zum Sozialismus.

Außerhalb dieser Anekdote regte Prof. Müllenbrock jedoch zu einem differenzierten Gebrauch von Orwell-Analogien an. „1984“ sei kein Science-Fiction-Werk, technische Details von Überwachung standen für Orwell im Hintergrund. Stattdessen rückte Orwell den Fokus auf die psychischen und sprachlichen Folgen einer totalitären Ein-Parteien-Diktatur. Die Assoziierung von Orwells Meisterwerk mit der gegenwärtigen Diskussion über Überwachungsmaßnahmen seien in Deutschland ohnehin viel ausgeprägter als etwa im angelsächsischen Raum. Dort werden Orwells Sprachneuschöpfungen und die von „Big Brother“ kreierte Sprache eher als Vorboten einer übertriebenen „political correctness“ interpretiert. In dieser Hinsicht ist Orwell und 1984 auch im Jahre 2017 hochaktuell. Aspekte technischer Überwachung hingegen, wie sie zum Beispiel auch in dem Computerspiel „Orwell“ zum Ausdruck kommen, funktionieren auf einer symbolischen Ebene, auf der 1984 zur geflügelten Metapher für jegliche Form von Überwachung geworden ist.

 

Die nächste Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum beschäftigt sich mit einem besonders spannenden Kapitel Berliner Geschichte: den Agentenaustauschen auf der Glienicker Brücke. Einblicke in das Thema geben der Buchautor Norbert F. Plötzl und Eberhard Fätkenheuer, der 1985 auf der Brücke ausgetauscht wurde.