Entführter Vietnamese in Berlin. Erinnerungen an die heiße Zeit des Kalten Krieges

Aktuell sorgt die Entführung eines vietnamesischen Geschäftsmanns in Berlin für Aufsehen in den Medien. Der Fall macht mal wieder deutlich, dass die deutsche Hauptstadt nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart ein Hotspot für Geheimdienstaktionen ist. Historische Analogien gibt es zahlreiche, wie einige berühmte Berliner Entführungsfälle zeigen.

Berlin-Schöneberg, 1. April 1955: Der aus der DDR geflohene, regimekritische Journalist Karl Wilhelm Fricke wird in die Wohnung zweier als DDR-Kritiker getarnte Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi gelockt. Dahinter steht ein perfider Plan der Staatssicherheit der DDR, die Fricke zurück in die DDR holen will. Das Paar träufelt Fricke KO-Tropfen ein, als er wieder aufwacht, befindet er sich bereits in der Ost-Berliner Haftanstalt Hohenschönhausen. Nach monatelangen Verhören wird der Systemfeind wegen „Kriegs- und Boykotthetze“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Berlin-Friedrichshain, 22. April 1991: Der ehemalige US-Soldat Jeffrey M. Carney wird beim Verlassen seiner Wohnung von einem Zivilkommando des US Office of Special Investigations inhaftiert und schließlich in die USA ausgeflogen. Obwohl Carney die deutsche Staatsbürgerschaft innehatte, wurde keine deutsche Behörde von dem Vorgang informiert. Der Grund für die Aktion: Carney hatte unter dem Decknamen „Kid“ jahrelang Informationen über seinen Arbeitsplatz, die amerikanische Abhörstation in Berlin-Marienfelde, an die Stasi weitergeleitet. Schließlich tauchte er 1985 über Umwege in der DDR unter – versehen mit einem deutschen Pass und dem wenig einfallsreichen neuen Namen Jens Karney. Nach der Wende griffen die US-Spezialeinheiten zu. Diese Entführung eines deutschen Staatsbürgers wurde erst 1998 öffentlich bekannt.

Berlin-Mitte, 23. Juli 2017: Der vietnamesische Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh spaziert nichtsahnend im Tiergarten, da stoppt ein Auto neben ihm und mehrere Männer zerren ihn hinein. Eine Woche später „stellt“ sich Trinh Xuan Thanh „freiwillig“ den Behörden in der vietnamesischen Hauptstadt Saigon. Thanh hatte zuvor in Deutschland politisches Asyl beantragt, dem Bauunternehmer wurden in Vietnam die Veruntreuung von über 100 Millionen US-Dollar vorgeworfen. Er selbst wies die Vorwürfe zurück und behauptet, die regierende Kommunistische Partei Vietnams wolle ihn mundtot machen, da er mehrfach mit kritischen Äußerungen und Blogbeiträgen auftrat. Der Fall entwickelt sich zum diplomatischen Eklat, das deutsche Auswärtige Amt wies bereits den Verbindungsoffizier des vietnamesischen Geheimdienstes in Berlin aus und bestellte den Botschafter ein.

Frickes weiteres Schicksal wendete sich noch in den 1950er Jahren zum Guten. Er überlebte die Stasi-Haft und konnte vor dem Mauerbau wieder in den Westen ausreisen. Dort arbeitet er bis heute unermüdlich als Publizist gegen kommunistisches Unrecht, wofür er 2001 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Anders sieht es bei Jeffrey Carney aus: Er wurde in den USA zu einer 38-jährigen Haftstrafe verurteilt, aber nach knappen 12 Jahren vorzeitig entlassen. Danach wollte er wieder in Deutschland leben, doch dem Antrag auf eine Verlängerung seines abgelaufenen deutschen Passes wurde nicht stattgegeben. Trinh Xuan Thanhs Schicksal hingegen ist weiter offen. Berlin sieht 2017 einen geheimdienstlichen Entführungsskandal wie in längst vergangenen Zeiten.

 

Bilder:
Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen: NikiSublime from Boston, USA [CC BY 2.0]
Tiergarten in Berlin: Eisenacher [CC BY-SA 3.0]