Rückblick: Zwischen Elefantengedächtnis und Aktenlage. Mit „Desinformant“ Horst Kopp und Dr. Helmut Müller-Enbergs der Wahrheit auf der Spur.

Information und Desinformation, Erinnerung, Fakten und weiße Flecken – bei der Suche nach einer historischen Wahrheit liegen sie alle dicht beisammen. Das trifft gerade auf die Spionagegeschichte zu. Erinnerungen und Memoiren von Beteiligten können hier Licht ins Dunkel bringen – oder auch nicht. 

Um der historischen Wahrheit über die Desinformationsmaschinerie der Stasi auf den Zahn zu fühlen, trafen sich gestern Horst Kopp, ehemaliger Mitarbeiter im Referat 3 der für Desinformation zuständigen Abteilung X der DDR-Auslandsspionage Hauptverwaltung Aufklärung (HV A), und der Spionage-Historiker Dr. Helmut Müller-Enbergs. Der eine, mittlerweile 83-jährig, stellte rund 30 Jahre nach dem Ausscheiden aus dem operativen Dienst sein Buch „Der Desinformant“ vor, in dem er seinen Lebens- und Berufsweg schildert.
Der andere prüfte das selbsternannte „Elefantengedächtnis“ des ehemaligen Agenten. Das garantierte ein volles Haus im Deutschen Spionagemuseum. Das Publikum war buntgemischt: ehemalige Kollegen Kopps, Stasi-Forscher und interessierte Berliner jeden Alters.

Zunächst versuchte der Moderator mit einigen einleitenden Fragen die Karriere des Stasi-Mannes zu beleuchten. Kopp berichtete bereitwillig von seinem Werdegang bis zum Offizier in der HV A. Wurden die Fragen jedoch all zu privat, ließ der gelernte Desinformant den Moderator humorvoll auflaufen. Insbesondere zu seiner Entlassung aus dem DDR-Geheimdienst wollte sich der Autor nicht äußern.

Detailliert und hartnäckig fragte Müller-Enbergs dann jedoch zu den großen Namen, die im Zusammenhang mit dem Ministerium für Staatssicherheit genannt werden:
Wie war das denn jetzt genau mit dem von der Stasi gekauften Misstrauensvotum gegen den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt, das jener 1972 knapp zu seinen Gunsten entschied? Kopp behauptet in seinem Buch, die entscheidende Stimme des CSU-Parlamentariers Leo Wagner besorgt zu haben. Doch die Details um die Vorgänge wurden auch nach mehrfacher Nachfrage von Müller-Enbergs nicht eindeutig geklärt.
Ähnlich im Fall des Journalisten Günther Wallraff, der nach Kopp niemals Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die Stasi war, für den jedoch ein übereifriger Mitarbeiter eine fiktive IM-Akte angelegt haben soll. Auch hier ergaben die gezielten Fragen des Moderators nicht mehr Klarheit als die Behauptungen in Kopps Buch.

Ein gelungener Abend mit spannenden Einsichten in die Geheimdienstarbeit der Stasi war es allemal – auch wenn sich die Aktenkenntnis des Forschers nicht immer mit den Erinnerungen des Autors in Einklang bringen ließ. Ob Horst Kopp einen Beitrag zur historischen Wahrheit geliefert hat oder nach so langer Zeit noch „Desinformant“ geblieben ist, muss der Leser wohl weiterhin selbst entscheiden.