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„Deutschland 83“: Die Serie – eine wahre Spionage-Geschichte?

Rainer Rupp alias „Topas“ im Zeitzeugeninterview im Deutschen Spionagemuseum

Im Jahr 1983 steht der Kalte Krieg nach der Kubakrise von 1962 einmal mehr kurz davor, in einen realen militärischen Konflikt umzuschlagen. Auf Grund mehrerer Zwischenfälle ist die Stimmung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs äußerst angespannt. Im Herbst des Jahres sind zudem NATO-Manöver in Westeuropa angekündigt. Moskau und Ost-Berlin zeigen sich massiv beunruhigt. Sie gehen davon aus, dass die Vereinigten Staaten von Amerika einen atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion führen wollen. Um genauere Erkenntnisse zu erlangen, senden sie den jungen Oberfeldwebel Martin Rauch (gespielt von Jonas Nay) als Spion in den Westen. Der dient eigentlich bei den Grenztruppen der DDR, soll nun aber unter dem Decknamen „Moritz Stamm“ den Feind ausspionieren. Gezielt wird versucht, innerhalb der Bundeswehr Informationen über Raketenstandorte und diverse Pläne der NATO auszukundschaften.

So lässt sich grob die Ausgangslage der Serie „Deutschland 83“ zusammenfassen, die zumindest in Teilen die politische Situation der Zeit spiegelt. Eine Story, die gewisse Ähnlichkeiten einer realen Agentenbiografie aus dem Kalten Krieg aufweist. Zumindest hatte sich damals ein westdeutscher Mitarbeiter der Stasi in der Hierarchie der NATO tatsächlich so weit nach oben gearbeitet, dass er Zugriff auf Akten der höchsten Geheimhaltungsstufe „COSMIC-TOP-SECRET“ bekam. Sein Name: Rainer Rupp. Deckname: „Mosel“, später „Topas“.

Dem Deutschen Spionagemuseum berichtete der Top-Agent, der vielleicht als Grundlage für die auf RTL ausgestrahlte Serie gedient haben mag, von seinem spektakulärsten Einsatz im NATO-Hauptquartier in Brüssel m Jahr 1983. In einem ausführlichen Zeitzeugeninterview erzählt „Topas“ aber auch vom Beginn seiner Spionagetätigkeit, als er im Umfeld der Studentenbewegung der 1960er Jahre aktiv war und dort von der Stasi angesprochen wurde. Die vorhandenen ideologischen Gemeinsamkeiten, insbesondere der Kampf gegen einen wiederkehrenden Faschismus, bildeten die Grundlage für die erste Kontaktaufnahme. Rainer Rupp wusste nun zwar, dass er von der Stasi, speziell einer Abteilung namens „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HV A) – dem Auslandsnachrichtendienst der DDR – angeworben worden war. Weshalb er als junger Student ausgewählt wurde, erschloss sich ihm jedoch nicht auf Anhieb. Rückblickend wurde ihm klar, dass erfolgreiche Studenten natürlich größere Chancen haben, in hohe Positionen zu gelangen und von dort aus spionieren zu können.

Rupp war nun also als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi im westlichen Ausland aktiv und wurde in der Abteilung XII der HV A explizit mit Fokus auf die Europäische Gemeinschaft und die NATO ausgebildet. Der Geheimagent erreichte auch sein Ziel – Rupp wurde bei der NATO angestellt, seiner Einschätzung nach eine „kriegstreiberische Organisation“. Seinen genauen Karriereweg mit vielen persönlichen Details zeichnet „Topas“ im Interview nach und berichtet, wie er über viele Jahre hinweg an die geheimsten Dokumente des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses gelangte. Nach seiner Schilderung übermittelte er der Stasi eine lückenlose Dokumentation der Vorgänge innerhalb der NATO.

Die Übertragung der Informationen erfolgte mit einem als „Schnellgeber“ bezeichneten Codewandlergerät. Damit waren einige Stasi-Agenten im Auslandseinsatz in der Lage, abhörsicher Informationen nach Ost-Berlin zu übermitteln. Rupps Schnellgeber versteckte sich in einem handelsüblichen, funktionsfähigen Taschenrechner. Vor der Datenübermittlung musste der Agent eine Nadel in ein winziges, gut verstecktes Loch einführen, um den Operationsmodus des Geräts zu ändern. Ein solcher Schnellgeber ist im Deutschen Spionagemuseum ebenfalls zu sehen.

Das Interview verdeutlicht, dass der DDR-Geheimdienst schon sehr viel früher an Informationen aus dem NATO-Hauptquartier in Brüssel interessiert war, als es in der Fernsehserie „Deutschland 83“ den Anschein hat. Man wollte sich nicht erst im Angesicht des Ernstfalls um die Informationen bemühen, sondern so früh wie möglich wissen, was die Gegenseite plante. Die Stasi hatte das nordatlantische Bündnis als Ziel also schon vorsorglich im Blick. Und das nicht erst mit Rainer Rupp. Innerhalb der HV A existierten bereits viel früher entsprechende Abteilungen, die sich auf die Aufklärung gegen die NATO spezialisiert hatten. Denn nicht nur in die Wirtschaft, sondern auch die Nachrichtendienste der DDR funktionierten nach einer Art Jahresplan. Für die Agenten unter Stasi-Chef Erich Mielke hieß das konkret: Der Minister erstellte die zentrale Planvorgabe und die Abteilungen orientierten sich daran.

Schon in der Anbahnung des Kontaktes zur NATO weicht die reale Geschichte also deutlich von der Fernsehserie „Deutschland 83“ ab. Anstatt auf eine Bedrohungslage zu reagieren, wollte man auf Seiten der DDR und auch der Sowjetunion vorab informiert sein. Statt Spione der DDR in der Bundesrepublik und dem weiteren sogenannten „westlichen Ausland“ zu platzieren, suchte man sich lieber Kontaktpersonen im Westen, da diese deutlich einfacher zu tarnen waren.

Für die Stoffentwickler der RTL-Serie mag die Situation von Rainer Rupp in den 1980er Jahren möglicherweise einen Impuls geliefert haben. Viel mehr gibt die Serie jedoch historisch nicht her. Sie will es auch gar nicht. Man wolle „keinen Geschichtsunterricht geben, sondern eine gute Geschichte erzählen“. So zitiert die Süddeutsche Zeitung die Ideengeberin Anna Winger. Näher an der Realität und dabei nicht weniger spannend ist dagegen das Zeitzeugen-Interview mit Rainer Rupp alias „Topas“ im Deutschen Spionagemuseum.

Bei den diesjährigen International Emmy Awards wurde die Serie „Deutschland 83“ als beste Dramaserie ausgezeichnet. Vermutlich Anfang 2018 wird es eine zweite Staffel unter dem Titel „Deutschland 86“ geben – allerdings nicht mehr bei RTL, sondern bei Amazon Video.