Infrarot-Lichtsprechgerät JO-4.03 „Palme“

Grenzüberschreitend abhörsicher kommunizieren

Die eigene Kommunikation zu verbergen, war und ist ein Grundanliegen für Geheimdienste. Schriftliche Informationen lassen sich per Kryptografie verschlüsseln oder mit Geheimtinten unsichtbar machen. Allerdings brauchte das Verschlüsseln, der Transport und die anschließende Entschlüsselung einiges an Zeit. Manchmal aber mussten Nachrichten sehr rasch auf dem direkten Weg übermittelt werden, idealerweise direkt von Ohr zu Ohr. Telefonate und Funkgespräche über die deutsch-deutsche Grenze hinweg bargen allerdings ein hohes Risiko, abgehört zu werden. Eine abhörsichere Methode, sich stimmlich auch über größere Distanzen hinweg auszutauschen, boten Lichtsprechgeräte. Ein solches Lichtsprechgerät der Staatssicherheit der DDR findet sich im Deutschen Spionagemuseum: das JO-4.03.

Lichtsprechgeräte wurden allerdings nicht erst von der Stasi erfunden. Bereits 1880 meldete der Erfinder Alexander Graham Bell ein „Photophone“ zum Patent an, mit dem sich Sprache durch Licht übermitteln ließ. Im 2. Weltkrieg verwendete die Wehrmacht das von dem Optikunternehmen Carl Zeiss entwickelte Lichtsprechgerät 80/80. Die Erfahrungen mit der Lichtsprechtechnik nutzte das Unternehmen auch nach dem Weltkrieg. Für die Stasi fertigten die VEB Carl Zeiss Jena das Infrarot-Lichtsprechgerät JO-4.03 (JO steht für Justierobjektiv) als streng geheimes Projekt unter dem Decknamen „Palme“. Es handelte sich um ein handliches Modell mit dem Maßen 17x12x5 cm (BxHxT). Erste Funktionsmuster wurden 1984 vorgestellt, die Produktionsfreigabe erfolgte 1985. Die Geräte waren nicht günstig, 1987 beispielsweise lag der Paarpreis bei 30.000 Mark. Bis 1989 erstand die Stasi über 150 Stück.

Um zu kommunizieren, musste jeder Gesprächspartner über ein Gerät verfügen. Man positionierte diese dann in Sichtline gegenüber und stellt Verbindung über einen Infrarotstrahl her, der von einer ausklappbaren Spiegeloptik empfangen wurde. Zur Erleichterung der gegenseitigen Ausrichtung befand sich eine weitere kleine Optik im oberen Bereich des JO-4.03, die im Sinne eines Fernrohrs funktionierte. Über den Infrarotstrahl konnten die Gesprächspartner nun mit Mikrofon und Ohrhörer miteinander sprechen. Der größte Vorteil: Die Verbindung ist abhörsicher. Versucht eine andere Partei sich in das Gespräch einzubringen, wird der Infrarotstrahl und damit die Verbindung unterbrochen. Wegen der starken Bündelung des Lichtstrahls ist dieser Kommunikationsweg zudem extrem schwierig zu entdecken. Bei gutem Wetter war es so möglich, Gespräche über Distanzen von bis zu 3 km zu führen. Hobbyfunker prahlten aber auch, sie hätten mit diesem Lichtsprechgerät erfolgreich über deutlich höhere Distanzen kommuniziert.

Das Infrarot-Lichtsprechgerät JO.4.03 wurde nicht nur für den gegenseitigen Informationsaustausch genutzt, sondern auch zu Abhörmaßnahmen eingesetzt. Im Deutschen Spionagemuseum ist eine Wanze aus den 1980er-Jahren zu sehen, die genau zu diesem Zweck konzipiert wurde: die Infrarot-Wanze Typ 17311. Über ein Mikrofon nahm diese die Gespräche in den Räumlichkeiten auf. Die Wanze setzten die Techniker so in ein Loch in der Außenwand ein, dass sie nach draußen Infrarot senden konnte. Dort musste ein Empfangsgerät angebracht werden, um die Infrarot-Strahlen zu empfangen und die übertragenen Gespräche aufzunehmen bzw. weiterzuleiten. Die Reichweite betrug 300 m.

Infrarot-Technik erfreute sich auch abseits der Kommunikation großer Beliebtheit bei Geheimdiensten. Dank Infrarot-Blitzlichtern war beispielweise das unauffällige Aufnehmen von Fotos bei Dunkelheit möglich. Auch heute noch kommt Infrarot-Technik unter anderem in Überwachungskameras zum Einsatz. Zudem nutzten viele alte Handy-Modelle Infrarot-Schnittstellen zur Datenübertragung, bevor Bluetooth oder WLAN zum Standard wurden. Angeblich werden alte Modelle des Nokia 8210 gerne von Drogendealern genutzt. Das Handy verfügt nicht über GPS und WLAN, kann also nicht lokalisiert werden. Zudem gilt die Akku-Leistung als sehr gut und die Infrarot-Schnittstelle ermöglicht eine rasche Datenübertragung. Gerüchteweise sind diese Vorteile der Grund dafür, dass auch der ein oder andere Geheimdienstler noch solch ein altes Handy-Modell in der Tasche hat.