Bridge of Spies: 60. Jahrestag des ersten Agentenaustauschs auf der Glienicker Brücke

Am Morgen des 10. Februar 1962 vollzog sich am Stadtrand von Berlin im Geheimen ein historisches Ereignis. In einer Hochzeit des Kalten Krieges tauschten die USA und die Sowjetunion zum ersten Mal gefangene Spione aus. Die Aktion bildete den Grundstein für die bis heute internationale Bekanntheit der Glienicker Brücke als Agentenbrücke und ist ein elementares Kapitel Berliner Spionagegeschichte.

Der lange Weg zum Austausch der Spione

Die Tatsache, dass es überhaupt zum Agentenaustausch in Berlin kam, ist vor allem der Weitsichtigkeit des amerikanischen Anwalts James Donovan zu verdanken. Dieser verteidigte in einem wichtigen Spionageprozess den 1957 in New York festgenommenen KGB-Agenten Rudolf Abel (der mit bürgerlichem Namen William Fischer hieß). Abel war ein bedeutender Fang für die US-Spionageabwehr. Er bildete das Zentrum eines wichtigen sowjetischen Spionagerings, der vor allem Atomspionage betrieb.

Abel selbst hatte nie gestanden, für den KGB zu arbeiten. Doch die in seiner Wohnung gefundene Geheimdienstausrüstung überführte ihn eindeutig. Vielleicht wäre Abel für sein Vergehen auch mit dem Tod bestraft worden, doch Donovan war es gelungen, dass Gericht davon zu überzeugen, keine Todesstrafe anzustreben.

Seine Argumentation beruhte auf der Tatsache, dass Abel ein wertvoller Kandidat für einen Austausch wäre, falls es zur Gefangennahme eines amerikanischen Spions durch die Sowjetunion kommen sollte. Abel erhielt daher 1958 eine Freiheitsstrafe von 30 Jahren.

Es sollte noch zwei Jahre dauern, bevor der Sowjetunion ein geeigneter Austauschpartner für Abel ins Netz ging. Am 1. Mai 1960 wurde der CIA-Pilot Francis Gary Powers bei einem Aufklärungsflug mit dem Spionageflugzeug Lockheed U-2 über sowjetischem Gebiet abgeschossen. Er überlebte und wurde mitsamt seiner Ausrüstung und den Trümmern seines Flugzeugs von der Sowjetunion der Weltpresse präsentiert – eine Demütigung für die USA. In einem Schauprozess verurteilte man ihn zu 10 Jahren Haft wegen Spionage.

Kennedy macht den Weg frei

Zuerst widersprachen CIA und FBI einem Austausch von Powers gegen Abel, auch weil Abel als deutlich wichtiger angesehen wurde als Powers. Unter dem Druck des neuen US-Präsidenten J.F. Kennedy nahmen die Verhandlungen an Fahrt auf. Von amerikanischer Seite wurde Abels Anwalt James Donovan damit beauftragt, die Verhandlungen zu führen.

Für die sowjetische Seite war es der junge ostdeutsche Anwalt Wolfgang Vogel, der mit Donovan verhandelte. Allerdings nicht als offizieller sowjetischer Vertreter, sondern im Namen von erfundenen Verwandten Abels, die angeblich in der DDR wohnten. Dieser juristische Umweg war notwendig, da die Sowjetunion nach Abels Verhaftung nie zugab, dass dieser tatsächlich ein KGB-Agent war. Aus diesem Grund war es nicht möglich, öffentlich als Verhandlungspartner in Erscheinung zu treten.

James Donovan mit Präsident J.F. Kennedy, September 1962

Für Vogel war die erfolgreiche Mitwirkung am Austausch der Beginn einer einzigartigen Karriere im Kalten Krieg. In den folgenden Jahrzehnten bis zum Fall der Mauer war er an sämtlichen Agentenaustauschen in der DDR beteiligt.

Die Verhandlungen zogen sich jedoch in die Länge, da die USA unbedingt mehrere Personen für den bedeutenden Agenten Abel austauschen wollte. Schließlich vereinbarte man, dass neben Powers auch der amerikanische Doktorand Frederic Pryor freikommen soll. Dieser war wegen angeblicher versuchter Fluchthilfe und Spionageverdacht im August 1961 von der Stasi festgenommen worden.

Geheimaktion Agentenaustausch

Da auf beiden Seiten große Unsicherheit bestand, ob der Austausch glimpflich über die Bühne gehen würde, vollzog sich die Aktion unter größter Geheimhaltung. Als Austauschort wurde die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam gewählt. Seit dem Mauerbau 1961 war diese für den Straßenverkehr geschlossen und ließ sich von beiden Parteien gut erreichen. Die ländliche Umgebung reduzierte zudem das Risiko von Augenzeugen und erleichterte die Sicherung des Umfelds.

Am 10. Februar 1962 war es endlich so weit. Um kurz nach 8:30 Uhr trafen die Parteien an der Glienicker Brücke ein. Das Misstrauen auf beiden Seiten war groß. Um sicher zu gehen, dass man auch tatsächlich den richtigen Agenten bekam, waren Personen anwesend, welche die Spione identifizieren sollten. Abel wurde durch einen alten russischen Kameraden identifiziert, Powers durch einen ehemaligen Schulkameraden. Beide stellten persönliche Fragen, die nur von den wirklichen Agenten beantwortet werden konnten.

Wie vereinbart, wurde vor dem eigentlichen Austausch Pryor in Anwesenheit von Anwalt Vogel am Checkpoint Charlie freigelassen. Erst, als um 8:45 Uhr die Nachricht der Freilassung Pryors die Unterhändler auf der Glienicker Brücke erreichte, schritt man dort zur Tat. Um 8:52 Uhr passierten Abel und Powers grußlos gleichzeitig die weiße Grenzlinie auf der Mitte der Brücke.

Glienicker Brücke. Gut ist hier der unterschiedliche Farbsanstrich zu erkennen, der die Grenze zwischen Berlin und Brandeburg (und vormals der DDR) markiert

Die Öffentlichkeit erfuhr von dem Ereignis erst, als Powers bereits im Flugzeug in die USA saß und Abel sich auf dem Weg in die Sowjetunion befand. Dieser erste erfolgreiche Austausch bildete den Auftakt zu zahlreichen weiteren Agentenaustauschen im Kalten Krieg. Allein in Deutschland kamen so etwa 150 Agenten frei.

Das weitere Schicksal der Agentenbrücke in Berlin

Es sollte jedoch über 20 Jahre dauern, bis erneut Agenten auf der Glienicker Brücke ausgetauscht wurden. Ebenso wie der erste Austausch zwischen Ost und West 1962 waren auch diese Agentenaustausche geschichtsträchtig.

1985 fand der größte Agentenaustausch im Kalten Krieg statt. Zudem entstanden damals erstmals Filmaufnahmen eines solchen Ereignisses. Der letzte Austausch im Jahr 1986 schließlich trug deutliche Züge der Entspannung zwischen Ost und West, da neben Agenten dort auch der Bürgerrechtler Anatoli Schtscharanski freigelassen wurde.

Die heute wieder frei zugängliche Glienicker Brücke nimmt zurecht einen außergewöhnlichen Platz in der Spionagegeschichte ein und trägt mit gutem Grund den Titel Agentenbrücke (Bridge of Spies).

Autor: Florian Schimikowski

Veröffentlicht am: 10.02.2022