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Hauptstadt der Spione

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich Berlin im Kalten Krieg zur unumstrittenen Hauptstadt der Spione. Nirgendwo trafen die damaligen Großmächte so unmittelbar aufeinander. Denn mit der Teilung Deutschlands in Besatzungszonen ging die Aufteilung Berlins in vier Sektoren einher. Dies hatte zur Folge, dass hier auf engstem geografischem Raum militärische und nachrichtendienstliche Aktivitäten von den USA, der Sowjetunion sowie Frankreich und Großbritannien zu verzeichnen waren. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) veränderte sich diese Situation nur wenig – zur Präsenz der Siegermächte kamen vielmehr zwei weitere Mitspieler hinzu.

Zentralbild 24.4.1956 USA-Spionage Tunnel unter DDR-Gebiet Der amtierende Militärkommandant des sowjetischen Sektors von Berlin, Oberst Kozjuba, gab am Montagabend (23.4.56) auf einer Pressekonferenz vor zahlreichen in- und ausländischen Journalisten bekannt, dass am 22.4.1956 von sowjetischen Truppen eine amerikanische Abhörzentrale im demokratischen Sektor Berlins ausgehoben wurde. Amerikanische Stellen hatten im Gebiet von Altglienicke einen etwa 300 m langen Stollen angelegt, der zu den Fernmeldelinien der sowjetischen Truppen sowie zu den Fernmeldelinien der Deutschen Demokratischen Republik lief. Durch den Stollen ziehen sich Kabelleitungen, die vom amerikanischen Sektor ausgehen und an die Kabelleitungen der sowjetischen Truppen angeschlossen wurden. Im Anschluß an die Pressekonferenz fand eine Besichtigung der amerikanischen Abhörzentrale statt. UBz.: Der "Stern"-Bildreporter überschreitet die Stacheldrahtsperre, dies sich kurz vor der von den Amerikanern errichteten Barriere befindet..

Insbesondere während der 1950er Jahre wurde Berlin auf Grund eines relativ freien Informationsflusses zu einem regelrechten Spionagedrehkreuz – der Hauptstadt der Spione. In dieser Zeit stützte sich ein Großteil der geheimdienstlichen Erkenntnisse auf menschliche Quellen: Viele aus der DDR fliehende Bürger hatten Berlin als Ziel – und konnten in Notaufnahmelagern wie Berlin-Marienfelde zu Vorgängen in ihrer alten Heimat befragt werden. Wenn sich dabei eine aussichtsreiche Gelegenheit zur Spionage bot, der Flüchtende also beispielsweise in einer Position arbeitet, die ihm Zugang zu wichtigen Informationen erlaubte, rekrutierte man diesen sogar oft als Mitarbeiter und schickte ihn zurück. Doch auch ausgefeilte Spionagetechnik kam bereits früh zum Einsatz: Mitte der 1950er Jahre gelang es Amerikanern und Briten, mit dem Bau eines 450 Meter langen Tunnels wichtige Telefonkabel auf dem Gebiet der DDR anzuzapfen. Natürlich wussten auch die Russen, wie man spioniert: Das Tunnel-Projekt mit dem Namen „Operation Gold“ wurde durch einen berühmten Doppelagenten und KGB-Spion, der beim den britischen Geheimdienst MI6 arbeitete, frühzeitig enttarnt.

Die Situation änderte sich drastisch durch den Mauerbau der DDR im Jahr 1961, der zum Ziel hatte, die immer größer teufelsberg_sitewerdende Fluchtbewegung von Ost nach West zu stoppen. Die Spionage durch Menschen wurde dadurch deutlich erschwert. In den folgenden Jahrzehnten konzentrierten sich westliche Geheimdienste folglich immer stärker auf technische Ansätze bei der Spionage. Bis heute weithin sichtbares Bauwerk dieser Zeit ist die Field Station Berlin auf dem Teufelsberg: Eine Abhöranlage in exponierter Lage, durch die amerikanische und britische Geheimdienste mit modernster Technik weit in die Staaten des Warschauer Paktes hineinhorchen konnten. Zu den besonders spannenden Kapiteln der „Hauptstadt der Spione“ zählt natürlich auch der Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke. Dreimal wurden hier hochrangige Spione auf spektakuläre Art und Weise ausgetauscht, die Medien verfolgten diese Ereignisse damals mit großem Interesse.

slider-spionagemuseum-spymapDiesen und vielen anderen Geschichten über die Hauptstadt der Spione kann der Besucher im Deutschen Spionagemuseum nachspüren. Dabei stehen ihm einzigartige Zeitzeugeninterviews, raffinierte Agentenausrüstungen und moderne Medieninstallationen wie die SpyMap zur Verfügung: In Form einer interaktiven Karte werden hier historische Ereignisse, Personen, Geheimdienstaktionen und Plätze rund um das Thema Spionage in Berlin verortet. Vielfach sind diese Geschichten im heutigen Stadtbild nicht mehr zu finden – der Besucher kann virtuell an diese Orte zurückkehren.

Die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Sowjetunion war also mit Sicherheit penthouse_of_the_us_embassy_berlin_northeine der spektakulärsten Phasen, was die Arbeit von Agenten in der Stadt betrifft. Doch auch heute noch bewegen sich in Berlin zahlreiche Agenten. Zumindest, wenn man der Einschätzung von Bundesverfassungsschutzpräsident Dr. Hans-Georg Maaßen folgt. Er sagte der Welt am Sonntag im November 2013: „Berlin ist die europäische Hauptstadt der Agenten.“ Auch ohne an der Quelle dieser Erkenntnis zu sitzen, kann man in der Stadt Spuren und Hinweise zu dieser These entdecken. Bis 2018 bezieht der Bundesnachrichtendienst, der deutsche Auslandsgeheimdienst, sein neues Hauptquartier in der Mitte Berlins. Zudem haben die obskuren, auf den Dächern von einigen Botschaften aufgebauten Objekte in den Medien international viel Beachtung gefunden. Experten vermuten dort diverse Spionagetechnik, so dass auch heute noch viele Ohren die digitale Kommunikation im Regierungsviertel bespitzeln. Das Deutsche Spionagemuseum zeigt auch diese moderne Hauptstadt der Spione.

Bilder:
US-Spionagetunnel: Bundesarchiv, Bild 183-37695-0059 / CC-BY-SA 3.0
Teufelsberg: CC Phil Jerns
Spy Map im Deutschen Spionagemuseum
Botschaft der USA in Berlin