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SIGINT, Berlin und der Teufelsberg: Vor 66 Jahren wurde die NSA gegründet

Exakte Zahlen zu Geheimdiensten sind selten zu bekommen, aber selbst die vorsichtigen Schätzungen von Experten machen die amerikanische National Security Agency (NSA) zu einem Dienst der Superlative: Bis zu 40.000 Mitarbeiter, ein Jahresbudget von über 10 Mrd $ und ein Datenspeichervolumen von bis zu einer Milliarde Terabyte. Doch genaueres weiß man kaum. Trotz zahlreicher Enthüllungen, Skandale und Schlagzeilen, die der NSA ein beachtliches öffentliches Interesse bescherten, bleibt vieles der Arbeit der Cyberagenten im Dunkeln. Nicht umsonst wird der Hauptsitz in Fort Meade, Maryland, USA, auch „Crypto City“ genannt. Eine solche Entwicklung war kaum abzusehen, als sie am 4. November 1952 offiziell gegründet wurde. Wir wollen uns aus diesem Anlass einen Blick auf die Beziehung zwischen NSA und Berlin werfen.

Diese Beziehung ist bis heute im Stadtbild sichtbar – auf dem Berliner Teufelsberg. Dort baute die NSA in den 1960er-Jahren eine ihrer größten Spionagestationen weltweit, die Field Station Berlin, als Teil des globalen ECHELON-Überwachungsnetzwerks. Betrieben wurde sie offiziell vom amerikanischen und britischen Militär, die Spionageziele gab aber vor allem die NSA vor. Hauptzweck der Arbeit vor Ort war die Überwachung des Funkverkehrs der DDR-Streitkräfte sowie der des Militärs weiterer Staaten des Warschauer Pakts. Mehrere hundert Kilometer konnte die Field Station Berlin in den Osten hineinhorchen. Im 3-Schicht-System wurden von den Mitarbeitern jahrzehntelang 24 Stunden am Tag Informationen gesammelt, ausgewertet und weitergeleitet. Dabei bekamen die Techniker unerwartete Unterstützung durch die feierfreudigen Berliner: Es stellte sich heraus, dass das Riesenrad auf dem Volksfest am Hüttenweg in Berlin-Zehlendorf den Funkempfang der Anlagen deutlich verbesserte, da dieses die Weiterleitung der Signale verstärkte.

Ob es nun diese ungewollte Unterstützung war, die moderne Technik oder der Rund-um-die Uhr-Betrieb – die Field Station Berlin scheint sehr erfolgreich gearbeitet zu haben. Immerhin wurde sie ganze viermal, 1973, 1983, 1985 und 1989, mit der begehrten Travis Trophy ausgezeichnet. Die Travis Trophy ist die höchste Auszeichnung der NSA für die weltweit beste strategische SIGINT-Sammelstelle. Tatsächlich müssen es unglaubliche Informationsberge gewesen sein – Berge im wahrsten Sinn des Wortes, denn vieles wurde noch nicht digital, sondern vor allem in Form von Papier und Tonbändern erfasst. Die regelmäßige Vernichtung überschüssiger Datenmengen brachte einen Vorteil mit sich: Laut Christopher McLarren, einem ehemaligen US-Nachrichtenanalytiker und Mitarbeiter auf dem Teufelsberg, der in einem Zeitzeugeninterview im Deutschen Spionagemuseum einen kleinen Einblick in seine Arbeit gibt, dienten die großen Brennöfen der Anlage nicht nur zur Aktenvernichtung, sondern praktischerweise wurden mit der erzeugten Energie gleichzeitig Teile der Anlage geheizt. So bekommen selbst wertlose Informationen einen praktischen Nutzen.

Ganz ungestört und ohne Probleme gestaltetet sich die Arbeit in der Field Station Berlin allerdings doch nicht. In den Jahren 1982 bis 1985 gelang es der Stasi, über einen Mittelsmann den auf dem Teufelsberg stationierten US-Soldaten James W. Hall dazu zu bringen, umfangreiche geheime NSA-Akten zu übergeben. Hall bediente sich dabei nicht ausgefeilter Spionagetechnik, sondern konnte aufgrund seines Status in der eigentlich hermetisch abgeriegelten Anlage die Dokumente ganz einfach in einer Tasche mit doppeltem Boden herausschmuggeln. Er ließ sich dafür gut bezahlen, insgesamt etwa 300.000 $ erhielt er im Gegenzug von Stasi und KGB für seinen Spionage auf dem Teufelsberg und anschließend in Frankfurt. 1988 wurde er enttarnt und zu 40 Jahren Haft verurteilt. Da war die Zeit der Field Station Berlin schon fast abgelaufen, nach der Wiedervereinigung beenden Amerikaner und Briten ihre Arbeit dort 1991.

Bis heute unterliegen die meisten Details zu der Arbeit der Field Station Berlin der Geheimhaltung. Es gibt kaum Fotos aus dem Inneren der Anlage als sie in Betrieb war und Dokumente zu den gesammelten Informationen werden, wenn überhaupt, mit erheblichen Schwärzungen freigegeben. Der Grund dürfte auf der Hand liegen: Auch wenn die Arbeit auf dem Teufelsberg eingestellt wurde, existiert das ECHELON-Netzwerk immer noch. Jedes Detail, dass durch Informationen über die Field Station an die Öffentlichkeit gelangt, könnte Rückschlüsse auf die Arbeit des Netzwerks preisgeben. Nicht auszuschließen ist zudem, dass die NSA nicht nur gegen den Osten spionierte, sondern auch Informationen über westdeutsche Politiker oder ähnliches sammelte. Ein Einblick in die Arbeit gegen die Verbündeten könnte unangenehme diplomatische Verwicklungen auslösen. Man wird also noch einige Jahre warten müssen, bevor die Arbeit der Field Station tatsächlich aufgearbeitet werden kann.

Das Kapitel Berlin ist für die NSA selbstverständlich bis heute nicht abgeschlossen. Technikexperten sind sicher, dass NSA-Spionagetechnik mindestens in der Botschaft der USA in Berlin zum Einsatz kommt. Vermutlich sogar in den auffälligen Aufbauten auf deren Dach, über deren genauen Zweck man seit Jahren rätselt. Und es dürfte nicht überraschen, wenn in den nächsten Jahren weitere NSA-Operationen ans Licht kommen, welche die ohnehin reichhaltige Berliner Spionagegeschichte um neue Details ergänzen.

 

Bilder
Teufelsberg: Dr. Karl-Heinz Hochhaus [CC BY 3.0]
Plakete zum 50-jährigen Jubiläum der Field Station Berlin: Johannesw82 [CC BY-SA 3.0]
Teufelsberg heute: Lenalensen