Rückblick Buchpräsentation: „Spione im Zentrum der Macht“ von Heribert Schwan

Die Be- und Umwertungen der DDR-Spionage nimmt auch 30 Jahre nach dem Untergang der DDR kein Ende. Heribert Schwan, bekannt geworden durch seine Biographien und Gerichtsverfahren mit dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen Frau Hannelore, legt auch im Jahr 2019 noch einmal nach. Mit „Spione im Zentrum der Macht. Wie die Stasi alle Regierungen seit Adenauer bespitzelte“ stellt er sein neues Buch zur Stasi-Spionage im Herz der Bonner Republik vor. Die Premiere hatte das Buch am 26. September im Deutschen Spionagemuseum. Zusammen mit dem ehemaligen Pressesprecher der Stasi-Unterlagenbehörde Dr. Christian Booß und souverän moderiert von Deutschlandfunk-Journalistin Nana Brink präsentierte Heribert Schwan die Ergebnisse jahrelanger Arbeit.

Vier Jahrzehnte Stasi-Spionage gegen bundesdeutsche Regierungen

Eine besondere Stärke, so Schwan, sei die Auswertung von über 70.000 Seiten Stasi-Akten sowie den Unterlagen bundesdeutscher Gerichte in Spionage-Prozessen. Zu ersten gehören auch die Karteien und Statistiken der DDR-Auslandsaufklärung, die Schwan besonders hervorhob. Diese wurden vor mehr als 15 Jahren vom US-Geheimdienst CIA an die Stasi-Unterlagenbehörde übergeben und stehen deutschen Forschern seitdem zur Verfügung. Vier Jahrzehnte DDR-Spionage in der Bundesrepublik versucht Schwan so zu beleuchten.

Die Adenauer-Zeit der 50er- und 60er-Jahre stand vor allem unter dem Stern der NS-Kontinuitäten. Eifrig sammelte der DDR-Geheimdienst Unterlagen und Beweise für NS-Belastungen hochrangiger Politiker, Wirtschaftsführer und sonstigen Persönlichkeiten im Westen. Genutzt wurden diese Informationen insbesondere für Propagandaangriffe gegen den ungeliebten Klassenfeind.

Guillaume war nur einer von zahlreichen Stasi-Spionen in der BRD

Mit dem Regierungswechsel hin zur sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt ab 1969 ging es dann vor allem um politische Spionage. Hier fokussierte Schwan vor allem den Kanzleramtsspion Günter Guillaume, der eine größten Spionageaffären der deutschen Geschichte auslöste. Ein Top-Spion sei Guillaume gewesen, der aufgrund der ihm zugänglichen brisanten Informationen letztlich den Bundeskanzler Brandt zu Fall brachte, so Schwan. Darüber hinaus sei Guillaume auch NSDAP-Mitglied gewesen, wie übrigens auch der langjährige bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Doch Guillaume war nur die Spitze des Eisbergs. Es gab eine Vielzahl an Stasi-Agenten, die aus dem „Operationsgebiet“ Bundesrepublik berichteten. In Bonn und Umgebungen gingen geschulte „Romeo-Agenten“ der HV A ihrem Verführungshandwerk nach und besorgten Informationen von einsamen Sekretärinnen. Darüber hinaus war wohl auch kaum eine Stadt so durchzogen mit „Toten Briefkästen“ wie die alte Hauptstadt der Bundesrepublik. Dies führten Schwan und Booß anhand zahlreicher Beispiele aus. Umfassende Forschungen zu diesem methodischen Handwerk der West-Spionage stehen dem interessierten Leser gleichfalls seit Anfang der 2000er-Jahre zur Verfügung.

Kein Bundeskanzler jedoch sei so lange unter Beobachtung der DDR-Auslandsaufklärung gewesen wie Helmut Schmidt, der Willy Brandt 1974 als Bundeskanzler ablöste. Schon zuvor als Verteidigungsminister „stand Schmidt völlig nackt da“ vor den Ost-Spionen, so Schwan. Als er dann zum DDR-Besuch nach Güstrow reiste, organisierte die Staatssicherheit mit unvorstellbarem Aufwand eine riesige Aktion, um ja alles abzuschirmen. Nachdem Helmut Schmidt 1982 durch Helmut Kohl abgelöst wurde, begann das große Zeitalter der Stasi-Abhöraktionen gegen den deutschen Kanzler. Auch Kohl hatte die Stasi schon lange im Blick, überwachte alle DDR-Besuche und Kontakte. Im Beisein von Helmut Kohls Fahrer, der den weiten Weg ins Deutsche Spionagemuseum machte, erzählte Schwan über die Abhöraktionen der Hauptabteilung III des Ministeriums für Staatssicherheit gegen Kohls Autotelefon. Wie immer ahnungslos sei hingegen die Spionageabwehr der Bundesrepublik dabei gewesen, urteilten Schwan und Booß. Deren Akten und Berichte zog der Autor freilich nicht zurate.

Was nutzte die Stasi-Spionage gegen die BRD?

Und was hat die ganze Spionage im Westen gebracht? Schwer zu sagen, meinte Schwan, da könne niemand ein abschließendes Urteil fällen. Informationsmäßig, zum Beispiel über die Positionen der Gegenseite bei den Ost-West-Verhandlungen der 1970er-Jahre, sei die DDR aber immer einen Schritt voran gewesen. Auch bei dieser Annahme stützt sich der Autor ausschließlich auf DDR-Unterlagen.

Die sogenannte West-Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in der Bundesrepublik Deutschland brachte, dies zeigt auch Heribert Schwans neuestes Buch, zahlreiche Spionage-Mythen hervor. Prägnant zusammengefasst gibt es diese Mythen in dem Buch unseres wissenschaftlichen Leiters Dr. Christopher Nehring: „77 Spionage-Mythen enträtselt“.

Die nächste Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum am 1. Oktober 2019 beschäftigt sich mit einer (fast) vergessenen Widerstandkämpferin im Zweiten Weltkrieg. Autorin Sabine Kebir stellt ihr Buch „Stalins deutsche Spionin. Ilse Stöbe und das Auswärtige Amt“ vor.