Spionage vor dem 1. Weltkrieg: Am 25. Mai 1913 wurde Alfred Redl enttarnt

Spionage-Skandale und Doppelagenten sorgen auch heute noch regelmäßig für Schlagzeilen. Das war früher nicht anders: Einer der größten Spionage-Skandale Anfang des 20. Jahrhunderts drehte sich um den österreichischen Nachrichtenoffizier Alfred Redl.

Redl hatte in der österreichischen Armee eine steile Karriere hingelegt. Da er Russisch sprach, arbeitete er ab 1900 in jener Abteilung des Evidenzbüros, so nannte sich die Zentrale des militärischen Nachrichtendienstes, die für die Auswertung von Informationen über die russische Armee zuständig war. Trotz der guten Position und des regelmäßigen Einkommens hatte Redl ein Problem: Sein aufwendiger Lebensstil überstieg seine Einnahmen bei Weitem. Redl liebte Luxus wie exklusive Hotels und Restaurants, Automobile und Dienerschaft. Auch seinen jungen Liebhaber verwöhnte er nach allen Regeln der Kunst. Da dieses Geheimnis gut behütet werden musste, unterhielt er zudem eine Frau als Tarnung eines gutbürgerlichen Lebens, die sich als seine Gemahlin ausgab.

Um all dies zu finanzieren, meldete er sich 1906 beim russischen Militärattaché und bot die Preisgabe geheimer Informationen gegen entsprechende Bezahlung an. Der russische Geheimdienst ging auf das Angebot ein und Redl erhielt die Decknamen „Agent 25“ oder „R“. Kurze Zeit später erhöhte sich der Wert des neuen Agenten, denn 1907 wurde Redl Stellvertretender Leiter des Evidenzbüros und hatte so Zugang zu fast allen Geheimdokumenten.

Die Russen erhielten auf diese Weise hoch sensible Dokumente aller Art – bis hin zu den Agentenlisten und Aufmarschplänen der Armee der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie. Wie viel Geld Redl für seine Informationen genau erhielt, ist schwer festzustellen. Aber es schien sich zu lohnen: Er zahlte innerhalb weniger Jahre das Zehnfache seines Jahresgehaltes auf sein Konto ein und erklärte diesen Geldsegen mit einer Erbschaft. Vermutlich hat er noch weit mehr Geld direkt ausgegeben. Der russische Geheimdienst war sich also des Wertes dieser Quelle bewusst und bezahlte sie dementsprechend. Zudem lieferte Redl Informationen an den italienischen und den französischen Geheimdienst. Auch als Redl 1912 zum Generalstabschef befördert und versetzt wurde, konnte er durch seinen Einfluss weiterhin Informationen liefern.

Das Ende der Spionagekarriere Alfred Redls nahte, als der Abteilung IIIb, dem deutschen Militärnachrichtendienst, ein Brief in die Hände fiel, der als Absender ein bereits bekanntes Pseudonym des russischen Militärattachés in Bern aufwies. Diese Art der verdeckten Kommunikation zwischen Agenten und dem russischen Geheimdienst war der Abteilung IIIb vertraut. Als sich im Brief eine hohe Geldsumme und eine ebenfalls bekannte Tarnadresse fanden, wurde klar, dass sich der Brief an einen wichtigen Spion richtete. Gemeinsam mit den Österreichern stellte man diesem Spion eine Falle. Als Redl den Brief am 25. Mai 1913 abholte, wurde er verfolgt und identifiziert. Als man in dem Spion den Vizechef des Geheimdienstes erkannte, war der Schock groß – ein gewaltiger Skandal drohte.

Von oberster Stelle des k.u.k. Generalstabs wurde absolute Geheimhaltung verordnet. Zu groß war die Furcht, dass bei Bekanntwerden des Skandals auch höchste Offizierskreise mit ernsten Konsequenzen zu rechnen hätten. Als es zur Verhaftung kommen sollte, wurde daher Redls Angebot, sich selbst das Leben zu nehmen, ohne große Umschweife angenommen. Als Unterstützung versorgten ihn Offiziere sogar mit einer Pistole und Gift. Ohne Täter kein Prozess und daher kein Skandal in der Öffentlichkeit, so die Rechnung. Die Presse erfuhr am 26. Mai lediglich, dass sich Redl „aus unbekannter Ursache“ erschossen habe.

Wie auch in heutigen Zeiten war es letztlich kritischen Journalisten zu verdanken, dass die Vertuschungsaktion keinen Erfolg hatte. Egon Erwin Kisch schrieb für die Prager Zeitung Bohemia und erfuhr durch Zufall, dass es beim Tod Redls um Homosexualität und Spionage ging – Themen mit Sensationspotenzial. So eine Gelegenheit ließ sich Kisch nicht entgehen, sein Artikel sorgte für große Aufmerksamkeit und löste eine Lawine von Berichterstattungen aus. Durch die teils dilettantischen Vertuschungsversuche steigerte sich die öffentliche Empörung noch zusätzlich. Zumindest einer profitierte: Für Kisch bedeutete die Meldung den Aufstieg zu einem der bedeutendsten Reporter des frühen 20. Jahrhunderts.

Umstritten ist bis heute, wie stark sich die Spionagetätigkeit Redls auf den bald folgenden 1. Weltkrieg ausgewirkt hat. Die Einschätzungen reichen von der Annahme, dass in Redls Informationsweitergabe der Grund für einige wichtige österreichisch-ungarische Niederlagen gegen die russische Armee zu suchen ist, bis hin zu deutlich abgeschwächten Darstellungen, die Redls Spionage nur als teilweise relevant, aber nicht kriegsentscheidend bewerten. Immerhin ist davon auszugehen, dass die k.u.k. Heeresleitung nach der Aufdeckung von Redls Spionagetätigkeit zahlreiche bestehende Pläne modifizierte, um den Wert der an die Russen weitergeleiteten Pläne zu mindern und so den Schaden durch Redls Spionage deutlich begrenzte. Vielleicht wäre aber der 1. Weltkrieg anders verlaufen, wenn Redls nicht enttarnt worden wäre und Russland somit die Informationen noch effektiver hätte nutzen können. Durch Redls Tod und die Vertuschungsaktionen wird sich nie endgültig klären lassen, welche Informationen im Detail den Besitzer wechselten.

 

Bilder:
Alfred Redl, um 1907 [Public Domain]
Egon Erwin Kisch, 1934 [Public Domain]