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Rückblick: Der Code des Bösen – Das Institut für forensische Textanalyse

„Was man selbst nicht weiß, kann man nicht kontrollieren.“ So schätzt der Sprach-Spezialist Prof. Raimund Drommel die Chancen ein, dass man sich in einem Erpresserbrief erfolgreich verstellen kann. „Jeder von uns hat spezifische Sprachmuster, Kleinigkeiten, die klar auf einen Urheber verweisen. Meistens ist uns das selbst gar nicht bewusst – und deshalb können wir diese Merkmale auch auf Dauer nicht erfolgreich verstellen.“ Mit sprachwissenschaftlichen Methoden hilft Prof. Drommel seit den 1980er-Jahren bei der Aufklärung von Verbrechen. In seinem „Institut für forensische Textanalyse“ spürt Drommel Erpressern und Bedrohungen nach. Dazu hat er sich Verstärkung geholt und arbeitet heute zusammen mit Leo Martin, Ex-Verfassungsschutz-Agent, Patrick Rottler, Datenanalyst, und Olaf Jastrop, Spezialist für Event-Sicherheit. Die größte Nachfrage dafür besteht heute bei privaten Unternehmen, vom Mittelstand bis zum DAX-Konzern.

Das war nicht immer so. Angefangen hat Drommel als einfacher Sprachwissenschaftler an der Universität. Irgendwann stieß er auf die geheimen Codes der RAF. In den 1970er und 1980er-Jahren gaben sich verschiedene Mitglieder der Terrorgruppe Rote-Armee-Fraktion gegenseitig Anweisungen und Nachrichten über verschlüsselte Sprach-Codes in Zeitungsartikeln. Darunter waren zum Beispiel Anweisungen und Absprachen für Anschlagspläne und Entführungen. Drommel stieß auf einen verschlüsselten Plan zur Entführung von Klaus Kinkel, seit 1978 Präsident des deutschen Auslandsnachrichtendienstes BND und späterer Außenminister. Gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt BKA verhinderte Drommel so dessen Entführung – und landete deswegen selbst auf der Todesliste der Terrorgruppe. Der Wissenschaftler Drommel wandelte sich zum Sprachprofiler, analysierte unzählige Droh- und Erpresserbriefe, spürte überall den authentischen Sprachmerkmalen von Entführern und Terroristen nach. Sprachwissenschaftliche Kriminalistik heißt das Feld, das Drommel selbst aus der Traufe hievte. Heute arbeiten einige Spezialisten auf diesem Gebiet beim BKA und der Staatsanwaltschaft.

Drommel und sein Team gaben dem interessierten Publikum im Deutschen Spionagemuseum am 14. Dezember 2019 zahlreiche Kostproben ihrer Arbeit. Gemeinsam analysierte man sprachliche Codes von alten römischen Graffiti bis hin zu Erpresserbriefen, die wie bei einem 80er-Jahre-Tatort aus Zeitungen ausgeschnitten wurden. „Gerade wenn sich jemand Mühe gibt, keine verräterischen Spuren zu hinterlassen, hinterlässt er ganz spezifische Hinweise auf sich selbst.“ Sogar Scherenführung, Klebstoff oder Zeitungsvorlieben können den Täter verraten. Diese Muster übertragen Drommel und sein Team in die Zeit von Big Data, Emails und Social Media. „Die Technik ändert sich, aber menschliche Kommunikation ist eine Grundkonstante. Auch die Sprache ändert sich, aber ein Profil lässt sich immer ablesen.“ Dazu gehen die Experten heute mit wissenschaftlicher Akribie vor, ein Gutachten muss alle möglichen entlarvenden Gegenargumente beinhalten und wird schnell mal 200 Seiten lang. Die gebräuchlichsten Fälle sind dabei nach wie vor Erpressungen, aber auch Beleidigungen und Schmähungen – in Zeiten des Online-Handels und von Social Media durchaus eine beliebte Geschäftsstrategie, um Mitbewerbern zu schaden.

Auf die Frage nach seinem größten Misserfolg erzählte Drommel von einem bizarren Fall: Ein schizophrener Mann, der die Persönlichkeit seines Vaters erfolgreich nachahmte. Drommel identifizierte den Vater und nicht den Sohn. Ein ganz und gar außergewöhnlicher Fall, der kaum ein zweites Mal im Leben eines Sprachprofilers vorkommt. Ein spannender Abend im Deutschen Spionagemuseum, der seine Fortsetzung finden wird.

 

In der nächsten Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum am 19. Februar 2019 stellt Autor Dirk Brauns seinen neuen Spionageroman „Die Unscheinbaren“ vor.