Rückblick: Zielobjekt Rechts – Die Stasi und die Neonazis

Viele Menschen sind durch den internationalen Terrorismus der Gegenwart stark verunsichert. Vergessen wird dabei oft, dass es in Deutschland Zeiten gab, in denen die terroristische Gefahr höher war und Anschläge in größerer Zahl auftraten als heute. Die terroristische Bedrohung kam in den 1970er/80er-Jahren aus der rechts- und linksextremistischen Szene im Inneren des Landes. Kein Wunder also, dass sich auch die Geheimdienste damals mit dieser Bedrohung auseinandersetzten und versuchten, durch Unterwanderung der Szene Strukturen und Pläne der Extremisten aufzudecken. Zum Vorgehen der Stasi auf diesem Gebiet ist nun mit „Zielobjekt Rechts. Wie die Stasi die westdeutsche Neonazi-Szene unterwanderte“ ein neues Buch erschienen. Am 15. Januar 2019 stellte der Autor Andreas Förster sein Werk im Deutschen Spionagemuseum vor.

Für das Buch hat Förster Berge von Akten im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde gewälzt und zahlreiche Gespräche geführt – unter anderem mit Karl-Heinz Hoffmann, Gründer der neonazistischen terroristischen Vereinigung „Wehrsportgruppe Hoffmann“. Trotz der oft akademisch-historischen Herangehensweise blieb er aber immer mehr Journalist, wie er dem Publikum erklärte. Natürlich ging es ihm stets um die Fakten, doch wollte er diese nicht nüchtern aufbereiten, sondern immer Persönlichkeiten vorstellen und Geschichten erzählen, die auch für Laien interessant zu lesen seien. Das Interesse an dem Thema scheint ihm Recht zu geben, nicht nur die Besucher sind zahlreich erschienen, auch ein Team der 3sat-Kulturzeit war anwesend, um die Veranstaltung aufzuzeichnen. Neben Förster nahmen daran auf dem Podium auch Martina Renner, Bundestagsabgeordnete (Die Linke) und Expertin für Geheimdienste, und Christof Blome, Lektor beim Ch. Links Verlag, als Moderator teil.

Zuständig für die Unterwanderung der rechten Szene durch die Stasi war vor allem deren Hauptabteilung (HA) XX, die den umfangreichen Aufgabenkatalog „Staatsapparat, Kirche, Kultur, Untergrund“ abdeckte. Im Detail ging es darum, den Staatsapparat gegen alle „verdächtigen“ Strömungen in den genannten Bereichen zu schützen. Tatsächlich ist es der Stasi Försters Recherchen zufolge gelungen, einige hochrangige westdeutschen Rechtsextremisten als Informanten zu gewinnen. Diese Tatsache mag zunächst verwundern, immerhin ergeben sich doch erhebliche Differenzen im Gedankengut der Protagonisten, die eine Zusammenarbeit auf den ersten Blick unmöglich erscheinen lassen. Allerdings zeigten Förster und Renner schnell auf, was die beiden Parteien verband und diese Differenzen überspielte: Ein ausgeprägter Antiamerikanismus. Für die sozialistischen Geheimdienstler der Klassenfeind und für die Rechtsextremen jene Macht, die Deutschland damals besetzt hielt. Dabei legte die Stasi laut Förster größten Wert darauf, dass diese Kooperation geheim blieb, der Imageschaden wäre doch zu groß gewesen. Auch wurden nur Informationen abgeschöpft, eine Unterstützung – wie sie zum Beispiel für die linksextremistische RAF stattfand – unterblieb.

Unterstützung hat die rechtsextremistische westdeutsche Szene allerdings durch den westdeutschen Verfassungsschutz erhalten. Um effektive V-Leute zu akquirieren, hat dessen Einmischung laut Renner oft sogar wie ein „Brandbeschleuniger“ gewirkt. Erst durch den Verfassungsschutz wäre es führenden Neonazis möglich gewesen, hauptberuflich Extremist zu werden – ganz zu schweigen von weiteren technischen und materiellen Zuwendungen. An dieser Stelle stellte Förster auch fest, dass sein Buch nur die einseitige Sicht darstellt, erst eine Abhandlung zu den westdeutschen Geheimdiensten würde das Bild vervollständigen. Aber ob der Verfassungsschutz bereit wäre, die entsprechenden Akten freizugeben, sei fraglich. Förster und Renner, die beide Erfahrungen damit haben, Akten des Verfassungsschutzes zu beantragen, zeigten sich sehr skeptisch. Denn die Verantwortlichen wüssten, dass sie durch ihre Einmischung Schuld auf sich geladen hätten. Daher gäbe es kaum Hoffnung auf eine baldige umfangreiche Einsicht, so Renner.

In der anschließenden Fragerunde zeigte sich, wie stark der Extremismus sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart die Gemüter bewegt. Dies wird sicher nicht die letzte Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum zu diesem umfangreichen Themenkomplex gewesen sein.

 

Die nächste Veranstaltung im Deutschen Spionagemuseum am 31. Januar 2019 beschäftigt sich mit der Darstellung der Stasi in Film und Fernsehen. Welchen Einfluss hat diese Darstellung auf die Wahrnehmung der Zuschauer zur DDR und wie verträgt sich das mit der historischen Forschung?