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Raketenschild und Agentenaustausch: Alte Strategien im „neuen Kalten Krieg“?

Am 1. März 2018 präsentierte der russische Präsident Wladimir Putin in einer Rede zur Lage der Nation sechs neue „Wunderwaffen“ für die russischen Streitkräfte. Unter ihnen die „Kinzhal“ genannte Hyperschall-Rakete. Geheime Details dieser Entwicklung sind nun vermutlich durch einen 74-jährigen russischen Ingenieur an die NATO verraten worden – und schon wird über Agentenaustausch spekuliert. Doch der Reihe nach.

Rund zwei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen versuchte Putin offensichtlich durch die Erfolge bei militärischen Entwicklungen Punkte für seine Wiederwahl zu sammeln. Gleichzeitig beschwor er den Zusammenhalt der russischen Nation – in klarer Abgrenzung zu einer Bedrohung aus dem Westen. „Hört uns jetzt zu! Das ist kein Bluff.“, so zitiert ihn der SPIEGEL.

Dass einige der Videoaufnahmen, die während der Rede eingespielt wurden, wohl schon vor Jahren im Internet kursierten, kommentierten zahlreiche Medien mit Verwunderung. Das US-Verteidigungsministerium spielte die Bedeutung der neuen Wunderwaffen herunter. Laut einer Pentagon-Sprecherin sei man auf die neue Bedrohungslage gut vorbereitet. Das Außenministerium ließ wissen, man sei von den Ankündigungen nicht überrascht worden, man habe einen Verteidigungshaushalt von 700 Milliarden Dollar und wäre daher von der Stärke seines Militärs überzeugt.

Dass ein großes Budget nicht immer die Pole-Position im Wettrennen mit dem militärischen Gegner bedeutet, sollte jedoch insbesondere den USA mehr als bewusst sein. Denn bereits 1957 musste man sich dem damaligen politischen Widersacher, der Sowjetunion, in Fragen der Raketentechnik geschlagen geben. Am 5. Oktober dieses Jahres ging die Nachricht um die Welt: Die Sowjetunion hatte einen mit dem Sputnik 1 den ersten Satelliten ins All geschossen und damit nicht nur bewiesen, schwere Lasten in den Weltraum bringen zu können, sondern auch das Territorium der USA mit ebendiesen Raketen erreichen zu können. Die Vereinigten Staaten erhöhten in Folge dieses „Sputnik-Schock“ genannten Ereignisses die Ausgaben für Raumfahrt und Militär drastisch und reformierten zudem ihr Bildungssystem, um den Forscher-Nachwuchs zu sichern.

Nicht immer sind es also die rein militärisch deklarierten Ausgaben, die Rückschlüsse auf das mögliche Potenzial von Streitkräften zulassen. Es sind auch die Köpfe dahinter. Die neue Wunderwaffe ist in diesem Zusammenhang insofern interessant, als dass das Militärbudget Russlands im Jahr 2016 bei etwa 13% des Budgets der USA lag. Ob die neue Waffentechnik Russlands nun tatsächlich bahnbrechend ist, darüber lässt sich zunächst nur spekulieren. Fakt ist, dass die „Kinzhal“ durch ihre begrenzte Reichweite keine Bedrohung für das Territorium der USA darstellt. Gleichwohl scheint sie explizit dafür konstruiert, das massiv von den Vereinigten Staaten gestützte Raketenabwehrsystem in Osteuropa umgehen zu können.
Russland sieht in diesem Raketenschild eine direkte Bedrohung, während die NATO und insbesondere die USA argumentieren, die Schutzfunktion richte sich primär gegen potenzielle Angriffe seitens Nordkoreas oder des Irans.

Möglicherweise erinnert man sich hier an das unter Ronald Reagan Anfang der 1980er-Jahre initiierte SDI (Strategic Defense Initiative) Programm, das einen Raketenschild zu Land, Wasser, Luft und sogar im Weltraum zum Ziel und explizit die Sowjetunion als Gegner hatte. Tatsächlich steht das derzeitige Programm in einer gewissen Tradition, denn SDI wurde unter den Regierungen Clinton und Bush jr. als National Missile Defense (NMD) weitergeführt, unter der Regierung Obama überarbeitet und sieht derzeit die Stationierung von US-Soldaten in Polen vor.

Unter den sechs vorgestellten Waffensystemen findet sich jedoch auch eine Waffe, die, glaubt man den offiziellen russischen Beschreibungen, eine konkrete Bedrohung für das Territorium der Vereinigten Staaten darstellt.

Eine neue Generation von Interkontinentalraketen soll ab frühestens 2020 die veraltete, im NATO-Jargon „Satan“ genannte Rakete ablösen. Die neue „Sarmat“ (benannt nach einem Volksstamm, der einige hundert Jahre vor Christi Geburt auf dem Gebiet des heutigen Russlands, der Ukraine und Kasachstans siedelte) soll eine Reichweite von über 11.000 Kilometer haben und verschiedene Kombinationen von Nuklearsprengköpfen sowie Abwehrsysteme tragen können. Wladimir Putin wies in seiner Rede speziell darauf hin, dass auch diese Waffe in der Lage sei, die Verteidigung der NATO unbrauchbar zu machen.

In einem während der Rede gezeigten Video meinten einige Journalisten zudem Florida als Teil der angegriffenen Landmasse zu erkennen. Offizielle amerikanische Stellen spielen natürlich die mögliche Gefahr dieser Rakete herunter. Gewissheit wird, wenn überhaupt, erst nach weiteren Tests des Systems möglich sein.

Trotzdem ist es für Russland nun ein schwerer Schlag, dass ein Mitarbeiter der staatlichen Weltraumagentur Roskosmos, welche auch für militärische Raketentechnik zuständig ist, zentrale Informationen zu neuen Technologien an ein NATO-Mitglied verraten haben soll. Nach einem Bericht des Handelsblatts scheinen der russische Inlandsgeheimdienst FSB sowie der Raumkonzern selbst intensiv zu ermitteln. Ziel der Untersuchung ist der 74-jährige Physiker Viktor Kudrjawzew, der bereits in Untersuchungshaft sitzt.
Das offensichtlich gut unterrichtete Handelsblatt spekuliert bereits jetzt über die Möglichkeit eines Austausches von Festgenommenen in Russland und den USA. Ob es so weit kommen wird, bleibt abzuwarten.

Tatsächlich ist der Austausch von Agenten und Informanten mit dem Ende des Kalten Krieges nicht zum Erliegen gekommen. Spektakulärstes Beispiel der letzten Jahre ist mit Sicherheit die Aktion aus dem Jahr 2010, bei dem eine Reihe mutmaßlicher Agenten Russlands in den USA gegen Personen getauscht wurden, die unter Spionageverdacht in Russland inhaftiert wurden. Brisant: Einer der Verhafteten, der für den Westen spioniert hatte, war der Anfang des Jahres in England vergiftete Sergei Skripal. Er hatte damals für den britischen Geheimdienst MI6 spioniert und war aufgeflogen.

Rechtfertigen diese Parallelen nun, die derzeitige politisch wie geheimdienstlich angespannte Situation als „neuen Kalten Krieg“ zu definieren, wie es das Magazin Cicero im Mai dieses Jahres tat? Mit solchen Vergleichen sollte man wahrscheinlich etwas vorsichtiger umgehen. Jedoch zeigt sich in Bezug auf die Spionage eines: Manche Dinge ändern sich nie.