Vom Verfassungsschutz nach Moskau. Vor 32 Jahren lief Hansjoachim Tiedge in die DDR über

Grenzübergang Helmstedt-Marienborn, die Nacht vom 18. auf den 19. August 1985. Aus dem „Interzonenzug“ von Hannover kommend steigt ein schwer übergewichtiger Herr und legt den DDR-Grenzern, die sämtlich aus den Reihen der Hauptabteilung VI der Staatssicherheit kommen, seinen Dienstausweis vor. „Da müssen Sie wohl in Berlin anrufen“, flüstert er dem verdutzten Grenzer zu. Hansjoachim Tiedge war nämlich kein üblicher Reisender: Nach dem Juraexamen entschied er sich für eine Karriere beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Dort stieg er auf, bis zum Leiter des Referats „Nachrichtendienste der DDR“ – das Herz der Spionageabwehr der Bundesrepublik Deutschland. Nach fast 20 Jahren im Dienst des Verfassungsschutzes kannte er das Metier aus dem Effeff. Nun aber war er dabei, die Seiten zu wechseln.

Doch was trieb ihn zum Seitenwechsel? Ein politischer Sinneswandel? Eine Frau? Nein, eine persönliche Flucht. Hansjoachim Tiedge musste seinem persönlichen Schicksal entkommen. In Zeiten der deutsch-deutschen Teilung war ein Übertritt in den Osten dafür immer eine Option. Nach dem Tod seiner Frau verfiel Tiedge zusehends dem Alkohol, spielte, ließ sich gehen und kümmerte sich weder um Kinder noch sein mit Schulden belastetes Haus. Dann der Super-Gau: Seine reiche Tante hatte ihm nicht die erhoffte Erbschaft vermacht, er stand vor einem Scherbenhaufen. Der Seitenwechsel hatte kaum mit politischen Faktoren oder nachrichtendienstlicher Arbeit zu tun, Tiedge trat die Flucht nach vorne an, die letzte Rettung aus seinem erbärmlichen Zustand.

Einige Stunden dauerte es, aber noch in der Nacht wurde Tiedge von der DDR-Auslandsaufklärung HV A (Hauptverwaltung Aufklärung) in ein geheimes und streng bewachtes Haus vor den Toren Berlins gebracht. Alkohol und Prostituierte wurden ihm zugeführt, letztere verweigerten nach Auskunft des Leiters der HV A, Markus Wolf, bei Tiedges Anblick allerdings den Dienst. In den folgenden Wochen wurde Tiedge ausgequetscht, dann erhielt er eine neue Existenz. Als Helmut Fischer lebte er fortan im Ost-Berliner Karolinenhof und schrieb an der Humboldt-Universität eine (natürlich unter Verschluss gehaltene) Dissertation über „die Abwehrarbeit der Ämter für Verfassungsschutz in der Bundesrepublik Deutschland“.

Dann kam die Wende und mit ihr der nächste Ortswechsel. Nachdem ihn Journalisten ausfindig gemacht hatten, floh er vom KGB unterstützt nach Moskau, wo er bis zu seinem Tod 2011 lebte. 1998 erschienen seine durchaus kritischen Memoiren „Der Überläufer. Eine Lebensbeichte“ in Deutschland, trotz Klage des Verfassungsschutzes. Einen „Verräter“, der von Nachrichtendiensten offenbar nicht (mehr) viel hielt, nannte sich Tiedge darin selbst. Auch die von der Stasi 1985 in die Welt gesetzte Mär, dass Tiedge bereits seit Jahren als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) für sie spioniert hatte, wies er ins Reich der Märchen zurück.

Für Tiedge bedeutete die Entscheidung zum Überlaufen einen Einschnitt, der sein Leben zum persönlich Besseren wendete. Auf Kosten anderer. Sein ehemaliger Förderer, der Chef des BfV Heribert Hellenbroich, war am 1. August 1985 gerade zum Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes ernannt worden, musste jedoch nach Tiedges Überlaufen wieder zurücktreten. Tiedges Informationen brachten der DDR zwar nicht viel Neues, doch ermöglichten sie, einige Agenten des Verfassungsschutzes in der DDR zu verhaften. Tiedges Vorgesetzter Klaus Kuron lieferte gegen Bares nämlich bereits seit 1981 Informationen an die DDR, da er beruflich frustriert für seinen Geltungsdrang im Verfassungsschutz keine Perspektiven mehr sah. Um Kuron zu schützen, hatte die Stasi bis 1985 nicht gehandelt, als Tiedge jedoch kam, sah man keinen Grund mehr zur Zurückhaltung. Einer der Agenten, Horst Garau, kam in der Untersuchungshaft zu Tode. Selbstmord, angeblich. Tiedge nahm die Schuld auf sich.

 

Bilder:
Gebäude Bundesverfassungschutz: Stefan Kühn [CC-BY-SA-3.0]
Grenzübergang Marienborn: Steffen Schmitz (Carschten) [CC-BY-SA-3.0]
Buchcover „Der Überläufer. Eine Lebensbeichte“: Verlag Das Neue Berlin